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Oh Bild, meine Liebe!

Verliert der erweiterte Mensch seine Rationalität?

Liviu Poenaru

Ein Hauptmotor der Konsumgesellschaft ist wohl die Bilderflut – aus der Werbung wie aus anderen Bereichen –, die unsere Weltsicht prägt. Sie zwingt uns zu einer fortwährenden Änderung unserer Erscheinung durch den Kauf von Objekten, die darauf abzielen, der Gesellschaft, in der wir leben, zu entsprechen und deren allgemeine Tendenzen zu imitieren1, um sozial eingebunden zu sein. Das Bild ist eines der geläufigsten bzw. mächtigsten Kommunikationsmittel unserer Zeit geworden. Man braucht sich nur die Begeisterung für die Fernseh-, Computer- Tablet- und Telefonbildschirme vor Augen zu führen, oder die leidenschaftliche Benutzung der Facebook-, Instagram- oder Youtube-Konten, die vorwiegend Bilder transportieren. Eine gängige Tätigkeit bei der Benutzung des Mobiltelefons ist die Aufnahme von Fotos und Videos, um sie mit Gleichgesinnten zu teilen. Mit der Möglichkeit, die eigene Umgebung und die eigenen Tätigkeiten zu filmen und in Echtzeit über die sozialen Netze zu verbreiten, droht diese Gewohnheit sich exponentiell zu verbreiten.

Diese Bilderflut wirft manche Frage auf. Ich beschränke mich für den Anfang auf eine einzige, die uns als roter Faden dient: Hat diese Flut einen Einfluss auf unsere Rationalität, unser Unterscheidungsvermögen und die Qualität unserer Gedanken? Dieser Beitrag möchte einige das Bild betreffende Erkenntnisse aus unterschiedlichen Gebieten (Psychoanalyse, Neurowissenschaften usw.) zusammentragen und versucht, sie mit der Hypothese einer Verflachung der Rationalität zu verknüpfen.

Ein französischer Bericht der Akademie der Wissenschaften mit dem Titel L’enfant et les écrans 2, der unter der Leitung von Jean-François Bach, Olivier Houdé, Pierre Lena und Serge Tisseron entstand, verdeutlicht die positiven Wirkungen, die die Verbreitung der Informatik unter dem grossen Publikum für das Lernen gehabt hat, und will vor den Folgen einer schlechten Bildschirmnutzung unter den Jüngeren warnen. Aus dem Bericht ist 2013 die Publikation eines Lernmoduls3 für den Gebrauch durch verschiedene Akteure hervorgegangen. «Die Entwicklung der Gehirnfunktionen», so heisst es in dem Bericht, «hängt von Natur und Merkmalen der äusseren Einwirkungen sinnlicher, affektiver, kultureller Art usw. ab. In diesem Zusammenhang ist es wesentlich, sich mit den negativen, aber auch positiven Folgen zu befassen und die damit verknüpften Herausforderungen zu verstehen, wenn Kinder den Computerbildschirmen ausgesetzt werden.» (S. 7)

Was die Empfehlungen aufgrund wissenschaftlicher Studien angeht, unterstreicht der Bericht beispielsweise, dass nicht-interaktive Bildschirme (Fernseher und DVD-Geräte) für Kinder unter 2 Jahren keinerlei positive Wirkung haben und zu Gewichtszunahme, Sprachentwicklungsrückständen, Konzentrationsmangel und der Gefahr einer passiven Haltung gegenüber der Welt führen können. Ausserdem müssen Kinder unter zwei Jahren zunächst räumliche und zeitliche Referenzpunkte gewinnen, die sich an der Wirklichkeit und nicht an der Virtualität orientieren. Wenn Kinder unter drei Jahren Werbung ausgesetzt sind, kann dies Verwirrung in ihre Referenzpunkte bringen und zu einer tyrannischen Haltung gegenüber den Eltern führen. Ab einem Alter von drei bis vier Jahren können Spielkonsolen zu stereotypen, zwanghaften Verhaltensweisen sowie zur Flucht vor der realen Welt führen, um sich stattdessen in die Welt der Bildschirme zu flüchten. Zwischen sechs und zwölf Jahren führt die exzessive Bildschirmnutzung ohne gute Selbstregulierung zu einem Mangel an körperlicher und sozialer Tätigkeit sowie Schlafmangel und ein zunehmendes Risiko späterer Sehstörungen. Neben der Entstehung hypothetisch-deduktiver Fähigkeiten kann bei Jugendlichen eine «zu ausschliessliche Internetnutzung ein zu schnelles, oberflächliches und übermässig fliessendes zapping-Denken entstehen lassen, welches das Gedächtnis, die eigene Synthesefähigkeit und Fähigkeit zur Verinnerlichung verarmen lässt» (S. 12).

Aus diesem knappen Überblick über die beunruhigenden Folgen der nicht regulierten Bildschirmnutzung in frühem Alter ergibt sich die nachfolgende Frage: Welches sind die Auswirkungen bei erwachsenen Nutzern? Laufen wir nicht alle Gefahr, ein «Zapping»-Denken zu entwickeln und unsere Synthesefähigkeit verkümmern zu sehen? Werden wir vor den Bildschirmen nicht zu von Primärprozessen beherrschten Kindern? Werden wir Opfer einer Regression unserer kognitiven Funktionsebenen?

Freud hat eine seiner Grundannahmen, die gegenwärtig durch die Neurowissenschaften bestätigt wird, besonders betont: Die unbewusste Verarbeitung der (auf Erinnerungsspuren beruhenden) psychischen Inhalte, die Dingvorstellungen genannt werden, ist in erster Linie an den Gesichtssinn gebunden. Dagegen hängen die Wortvorstellungen, d.h. die Inhalte, die mit den für das Bewusstsein zugänglichen Phänomenen verknüpft sind, vor allem mit dem Hörsinn und der Verbalisierung zusammen. Sie sind also nie losgelöst von der Kommunikation mit anderen und von der Entwicklung der durch die Zivilisation und die Verdrängung herbeigeführten sekundären Funktionen. So ist Freud in Der Wolfsmann, 1918, der Ansicht, dass die Unterscheidung bewusst-unbewusst beim Kind nicht möglich ist, da es noch nicht alle dazu notwendigen Merkmale erworben hat, vor allem nicht die Transformation in Wortvorstellungen. Der Verfasser zeigt, wie fragil die Organisation der Wortvorstellungen bei Kindern ist, und legt nahe, dass die Dingvorstellungen Vorrang haben, wenn das Sprachsystem nicht gefestigt genug ist für einen gehobenen und bewussten Gebrauch. Die auf Bilder gestützte kognitive Verarbeitung, welche die passive, zwanghafte Bildschirmnutzung ausserhalb der verbalen Kommunikation in Gang bringt, lässt die Funktionen somit regredieren und wir nähern uns den primären Vorgängen an, die durch die Modalitäten der Entladung gemäss dem Lustprinzip auf kürzestem Weg und ausserhalb des Wirklichkeitsprinzips geprägt sind. Vergessen wir jedoch nicht, dass die Regression ein Grundbedürfnis ist, das ständig lauert, und dass sie notwendig ist als Ausgleich zu unserem progressiven Verhalten und für unser physisches und körperliches Überleben.

Freud theoretisiert zudem den Begriff der «Schaulust» (Skopophilie) als einen von den erogenen Zonen unabhängigen Sexualtrieb. Dieser Trieb erlaubt es, sich des anderen zu bemächtigen und einen kontrollierenden Blick auszuüben, so wie das Baby sich des liebenden Blicks der Mutter bemächtigt, um sich ihrer physischen Gegenwart zu versichern. Sehen und Wissen sind für Freud Triebe der Anlehnung und Bemächtigung, wie er 1908 in seinen Briefen an C.G. Jung feststellt. Sind wir also von wachsenden Bemächtigungstrieben beherrscht oder handelt es sich einzig um eine Verschiebung (bzw. Sublimation), die durch die technischen Mittel ermöglicht wird, über die wir verfügen, und die in einer durch das Verbot organisierten Gesellschaft notwendig ist? Auf Kosten eines realen Sich-des-anderen-Bemächtigens, der sich uns mehr und mehr entzieht oder von dem wir uns abwenden?

Die Hypothese von Nico Orlandi4 bestätigt tendenziell den Rückgang, das heisst die Unterdrückung der kognitiven Tätigkeit innerhalb der Wahrnehmungsprozesse. Diesem Autor zufolge stehen keine mentalen Repräsentanzen zwischen dem proximalen Reiz und der Bildung von visuellen Abbildungen. Delorme und Fluckiger5 untersuchen die Komplexität des Wahrnehmungsprozesses und gehen davon aus, dass dieser aus drei Hauptkomponenten besteht: a) dem physikalischen Reiz; b) den physiologischen und Sinnesvorgängen; c) den Abbildungen bzw. Empfindungen, die den psychologischen Aspekt ausmachen. Das «Wirkliche» des Abbildung gewordenen Reizes hängt weitgehend von den Selektionspfaden und der Verständnisfähigkeit ab, die auf der Subjektivität des Individuums und vor allem auf seinem Gedächtnis basieren. Squire und Kandel6 sind der Ansicht, dass die langfristigen Erinnerungen in denselben Verteilungsstrukturen gespeichert werden wie jene, die das zu Erinnernde wahrnehmen, verarbeiten und analysieren. Es scheinen also gemeinsame Gehirnbereiche für das Gedächtnis und die Sehwahrnehmung genutzt zu werden, was die Hypothese einer Nichtunterscheidung zwischen Gedächtnis und Wahrnehmung stützt7.

Dieser kleine theoretische Ausflug ist hilfreich, um die Mechanismen zu erfassen, die verantwortlich sind für die mögliche Verschliessung des Subjekts in der Introversion – dank der Wiederholung von Bildern, durch die sein inneres Erleben und die daraus entstehenden Wunschvorstellungen Ausdruck finden. Doch eine solche Introversion befördert nicht unbedingt die Beweglichkeit des Denkens und die geistigen Fähigkeiten, die zu neuen Begriffs- und Vernunfterkenntnissen führen.

Die sekundären Vorgänge scheinen dergestalt gefährdet zu sein, während die visuellen Hüllen des Ich8 immer dichter werden unter der Herrschaft einer allmächtigen Bilderwelt. Denn diese ist gleichzeitig durch die Marktlogik von Angebot und Nachfrage und die (natürliche) Notwendigkeit regiert, den Narzissmus in die Welt hinaus auszudehnen, um sie vertraut zu machen. Doch wie weit wird man gehen in dieser narzisstischen Ausdehnung, die aus der Welt unseren Spiegel macht, auf die Gefahr hin, die Welt in ihrer Wirklichkeit zu übersehen? Die Zerbrechlichkeit des Selbst muss sich mit diesem Spannungsfeld zwischen sich und der wirklichen Welt messen, dessen Abstand immer grösser zu werden scheint, was die künftigen Generationen in Gefahr bringen kann, denen niemand eine optimale Erziehung und einen vernünftigen Umgang mit Internet und mit den Bildern garantieren kann.

Doch für die Zukunft verheissen uns die transhumanistischen Programme, dass der Mensch von morgen dank künstlicher Intelligenz und Hybridisierung durch elektronische Nanokomponenten erweitert wird. Er wird nicht mehr Gefahr laufen, eine Krankheit des vegetativen Nervensystems zu entwickeln, und weder unter Mühsal leiden noch zu schnell altern, während zugleich seine Wahrnehmung und Gedächtnisleistung sich verbessern. Die transhumanistische These steht offenkundig im krassen Widerspruch zur Feldbeobachtung und wahrscheinlich wird der fortschreitende Verlust von natürlichen Fähigkeiten, wie er in Studien über Kinder, die früh mit Bildschirmen konfrontiert sind, zutage tritt, langfristig gesehen zu einem vermehrten Rückgriff auf Technologien führen, um Anpassungsschwierigkeiten auszugleichen. Die Mechanismen, die hier am Werk sind, sind mit denen der Sucht vergleichbar. Die Bildschirmnutzung ist in den sozialen Interaktionen systematisch und unverzichtbar geworden, was die Beeinflussung durch Bilder auf einer sehr breiten Skala beweist. Begegnungen und Diskussionsthemen drehen sich künftig um Internetinhalte und Bilder (die eigenen oder die anderer), die fortwährend einen Bildschirm in den Austausch einbringen. Er ist ein Vermittler und eine Verlängerung des Selbst in einem: ein unabdingbares Zubehör, das schon jetzt technologisch erweiterte Menschen aus uns macht. Wahrscheinlich vermittelt diese bereits bestehende Konstellation eine kleine Vorstellung davon, wie die künftige Gesellschaft aussehen wird.

Die absorbierende Macht der Bilder berührt auch philosophische Fragen, die über die Ethik hinausgehen und in Zukunft Diskussionen über die gesellschaftlichen und individuellen Herausforderungen eines unbegrenzten Zugangs zum Internet und den Bildern hervorrufen sollten. Patrick J. Brunet9, der die mit der Internetnutzung zusammenhängenden ethischen Probleme (in Bezug auf Gewalt, Identitäten usw.) erforscht, definiert Ethik als «die Gesamtheit der Grundwerte, auf deren Basis Menschen sich positionieren und im Bemühen um gegenseitige Achtung, die Garantie der Menschenwürde und des Gemeinwohls miteinander interagieren» (S. XIV). Darin geht auch der Zugang zu einem persönlichen Gebrauch der Bilder über die Moral und die Beziehung zum anderen hinaus und übersteigt die ethische Frage, doch entfernt er sich nicht völlig von ihr und wirft überdies Fragen der öffentlichen Gesundheit auf.

Sicher bleibt die hier vorgestellte Hypothese trotz der Studien, welche die Negativfolgen einer frühzeitigen und massiven Konfrontation mit Bildern bestätigen, noch in einem spekulativen Stadium. Falls sie aber richtig ist, falls also die Schaulust in der Gegenwartsgesellschaft den Wissenstrieb und die Auseinandersetzung mit der realen Welt und dem anderen überwiegt, wäre es wichtig zu erforschen, auf welche Weise einem weiteren Rückgang der kognitiven Kompetenzen und der Beziehungsfähigkeit der neuen Generationen vorgebeugt werden kann.

Wir haben hier lediglich eine Reihe von Gesichtspunkten betreffend die Bilder und die Rationalität skizziert, die verschiedene (unbeantwortet gebliebene) Fragen angesprochen haben. Es geht nicht darum, in Vergangenheitsnostalgie zu verfallen, denn niemand kann sagen, dass es früher besser war. Ebenso wenig sollte man der Versuchung erliegen zu behaupten, alles liefe schlecht, obwohl das Bild der gegenwärtigen Gesellschaft insgesamt viel Besorgnis hervorruft - was ebenfalls für die These eines Verlusts an Rationalität zu sprechen scheint. Zählte aber der Kampf gegen die Unmenschlichkeit und Barbarei nicht zum Alltag jeder Epoche? Freud schreibt in Das Unbehagen in der Kultur (1930), dass die Kultur alles ins Werk gesetzt hat, um unserem Leiden entgegenzutreten. Paradoxerweise - stellt er fest - wurde die Kultur jedoch historisch stets verurteilt, weil der Mensch das Kulturideal, das er der Gesellschaft auferlegt, nicht erträgt. Unter den Enttäuschungen der Menschheitsentwicklung nennt Freud auch den technischen Fortschritt, der den Menschen trotz der beträchtlichen Errungenschaften, die namentlich im Gesundheitsbereich Grund für Stolz sind, nicht glücklicher gemacht hat.

Entgegen dem Freud’schen Pessimismus und seiner Enttäuschung ist es vielleicht nicht zu spät und auch nicht unnütz, die an den Umgang mit Bildern geknüpften Verhaltensweisen angemessen zu bewerten und auch ihre Gefahren zu erfassen, um sich gegen die Auswüchse und Negativfolgen, die daraus erwachsen können, zu wappnen.


1 Etymologisch kommt das Wort «Bild» von lateinisch imago (Bild, Porträt, Darstellung, Abbildung) und hat die indoeuropäische Wurzel im-, woraus lateinisch imitari und deutsch imitieren hervorgegangen ist.

2 http://liliane.chalon.free.fr/IMG/pdf/rapport_academie_des_sciences.pdf

3 Pasquinelli, E., Zimmermann, G., Bernard-Delorme, A., Deschamps-Latcha, B. (2013). Les écrans, le cerveau… et l’enfant. Paris: Le Pommier.

4 Orlandi, N. (2014). The innocent eye. Why Vision is Not a Cognitive Process. Oxford: University Press.

5 Delorme, A., Fluckiger, M. (2003). Perception et réalité. Une introduction à la psychologie des perceptions. Bruxelles: De Boeck Supérieur.

6 Squire, L. R., Kandel, E. R. (2005). La mémoire. De l’esprit aux molécules. Paris: Flammarion.

7 Poenaru, L. (2015). L’hallucinatoire de déplaisir et ses fondements. Une approche neuropsychanalytique. Saarbrücken: Editions Universitaires Européennes.

8 Lavallée, G. (1999). L’enveloppe visuelle du moi. Paris: Dunod.

9 Brunet, P. J. (2003). Ethique et internet. Les Presses de l’Université Laval.

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