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Rezension

Dörte Fuchs

Theodor Itten: Größenwahn – Ursachen und Folgen der Selbstüberschätzung

2016, Zürich, Orell Füssli. 224 Seiten. CHF 26,90

Nachdem sein Buch über den Jähzorn inzwischen in zweiter Auflage erschienen ist, hat sich der Schweizer Psychotherapeut und Autor Theodor Itten jetzt den Größenwahn vorgenommen – höchste Zeit, denn, obwohl krankhafte Formen der Selbstüberschätzung kein neues Phänomen sind, nimmt die „Inflation des Ichs“ heute doch in einem Ausmaß zu, dass die Grundlagen unserer Demokratie, der soziale Zusammenhalt, ja die Zukunft der Menschheit bedroht erscheinen. Welche Folgen es hat, wenn eine im Kindes- und Jugendalter noch gesunde, weil entwicklungsfördernde Tendenz zur Selbstüberschätzung im späteren Leben nicht nur weiterbesteht, sondern ungehindert wuchert und gesellschaftlich auch noch belohnt wird, zeigt das Buch anhand vieler, oft hoch aktueller Beispiele und einiger Interviews aus allen Bereichen: Politik und Wirtschaft, Religion und Wissenschaft, Sport, soziale Medien, Musik, Kunst und Architektur.

Überall verbreiten sich die „Kompetenz des Scheinens“ und die zerstörerischen Allmachtsfantasien nimmersatter Manager, Hochstapler, Diktatoren und fanatischer Gurus. Den Preis für all den glitzernden Lügenglanz bezahlen dann oft andere. Hinter dieser wahnhaften Selbst- und Fremdtäuschung verbergen sich, wie der Autor ausführt, gefährliche Strategien des Selbstschutzes, die oft in den Wunden der Kindheit und einem in Wirklichkeit mangelhaft entwickelten Selbstwertgefühl wurzeln. Was hilft? Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Selbstannahme, verbunden mit der Einsicht in die eigenen Schwächen und Begrenzungen, echte menschliche Beziehungen – und die Weigerung, den vom Größenwahn Befallenen auch noch Beifall zu zollen. Wir können und sollten genauer hinschauen und den Mut aufbringen, laut und deutlich zu sagen, dass der Kaiser nackt ist.

Auch wenn die Diagnose nicht optimistisch stimmen kann: Ich habe das Buch sehr gern und mit Gewinn gelesen. Theodor Itten schöpft aus einem großen Wissens- und Erfahrungsschatz und geht den Erscheinungsformen, Ursachen und Folgen des Größenwahns mit Verve und Humor und einer erfrischend klaren, bilderreichen Sprache auf den Grund. Psychologische, philosophische und sozialwissenschaftliche Grundlagen werden dort, wo es nötig und sinnvoll ist, behutsam eingeflochten, ohne zum Ballast zu werden. Ebenso erkenntnisreiche wie unterhaltsame Ausflüge ins Reich der Mythen und Märchen (z. B. eine Nacherzählung und Deutung des Märchens vom Fischer und seiner Frau) und das wunderbare Fantasiestück „Abendessen bei Freuds“ bereichern das Buch – und seine Leserinnen und Leser.

Fazit: Sehr empfehlenswert!

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