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Rezension

Marina Marić

Falko von Ameln, Josef Kramer: Psychodrama – Grundlagen

2014, Berlin, Springer. 3., vollst. überarb. Aufl.; XV, 300 S.; 29 Abb., 8 Tabellen. EUR 39,99 (DE)

Die Autoren haben entschieden, die überarbeiteten Inhalte der 2. Auflage des Lehrbuches „Psychodrama“ als zwei separate Bücher zu veröffentlichen, sodass der ehemaligen Teil „Psychodrama in der Anwendung“ erweitert nunmehr als eigenständige Sammlung, „Psychodrama – Praxis“, erschienen ist. „Psychodrama – Grundlagen“ umfasst in der neuen Auflage neben einer kurzen Einführung fünf umfangreiche Teile, die das Psychodrama unter expliziter Erklärung seiner Philosophie, Methoden, theoretischen Grundlagen und Anwendungsfelder als eigenständiges Verfahren vorstellen. Dabei achten die Autoren darauf, die Anschaulichkeit und Verständlichkeit des Werkes durch Fallbeispiele und Verknüpfungen zwischen den Kapiteln zu heben. In einem Anhang findet der (die) Leser(in) Informationen zum Psychodrama im Internet und in einem Glossar werden die zentralen Begriffe des Psychodramas erläutert.

In der Einführung werden die Vorteile des Psychodramas gegenüber dem Rollenspiel detailliert erklärt. Im Gegensatz zum Rollenspiel, das eine Simulationsmethode ist, wird beim Psychodrama die subjektive Wirklichkeit der Protagonist(inn)en auf der Bühne dargestellt. Darüber hinaus geben die Autoren eine klare inhaltliche Definition und Klassifikation des Verfahrens, welches von Jacob Levy Moreno in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.

Den ersten Teil des Buches, „Methodische Grundlagen des Psychodramas“, bezeichnen die Autoren als „Gebrauchsanweisung für das psychodramatische Instrumentarium“ (S. 10). Sie beschreiben die Phasen des psychodramatischen Spiels, von der Erwärmung bis zur Integrationsphase, anhand von Fallbeispielen bezüglich protagonistenzentrierter Arbeit im Einzel- und Gruppensetting sowie der Arbeit auf Gruppenebene. Dabei wird die szenische Darstellung des inneren Erlebens als wichtigstes methodisches Prinzip besonders hervorgehoben. Außerdem stellen von Ameln und Kramer die verschiedenen psychodramatischen Instrumente, Arrangements und Handlungstechniken vor, welche vom Leiter und von den Teilnehmer(inne)n je nach Bedarf auch abgewandelt und weiterentwickelt werden dürfen. Zu betonen ist die zentrale Bedeutung des Rollentausches, der Doppeltechnik und der Spiegeltechnik für das psychodramatische Spiel. Diese dienen vor allem der Einfühlung in die Rolle des Gegenübers, dem Perspektivenwechsel, der Gewinnung neuer Einsichten, der Erweiterung der eigenen Kompetenzen, der Konfliktlösung und Stärkung der Persönlichkeit.

Der zweite Teil, „Vorbereitung und Gestaltung psychodramatischer Prozesse“, beschäftigt sich ausführlich mit den Phasen des psychodramatischen Prozesses. Die Kontaktaufnahme mit der Klärung des Vertrages und Vereinbarung der groben Ziele steht am Anfang des Prozesses. Das methodische Werkzeug zur szenischen Darstellung kommt in der Erwärmungs-, Aktions- und Integrationsphase zum Einsatz, wobei die Autoren deren Funktion und Einsatzmöglichkeiten genau erläutern. Die der Prozessanalyse dienende Auswertungs- und Vertiefungsphase kann, muss aber nicht zur kognitiven Verarbeitung des Spiels eingesetzt werden.

Im dritten Teil, „Theoretische Grundlagen des Psychodramas“, werden die Basiskonzepte von Spontaneität, Kreativität, Tele, Begegnung, der Theorie sozialer Netzwerke und der Rollentheorie, nach Moreno sind das die dem Menschen innewohnenden Kräfte, vorgestellt. Morenos philosophischer Auffassung nach soll der Mensch immer im Kontext seiner sozialen Beziehungen betrachtet werden, dabei ist die Aktivierung der Spontaneität und Kreativität des Einzelnen und der Gruppe das Ziel. Neben dem Psychodrama gehören Soziometrie und die Gruppenpsychotherapie zu Morenos triadischem System der soziotherapeutischen Arbeit. Das tragende Prinzip bleibt auf Einzel- und Gruppenebnen immer die szenische Darstellung der subjektiven Wirklichkeit, welche sich auf der Psychodramabühne als „surplus reality“ zeigt und sich durch die Erkenntnisgewinnung ihrer Teilnehmer fortwährend verändert. Die Soziometrie wird von den Autoren als ein System zur „Erforschung und Messung der Strukturen und Funktionen von Gruppen“ (S. 188) beschrieben, welches in den verschiedensten Praxisbereichen eine Anwendung findet. Als die wichtigsten Instrumente der Soziometrie werden der soziometrische Test, das Soziogramm, das soziale Atom und dessen Weiterentwicklung, das soziale Netzwerk-Inventar, vorgestellt.

„Querschnittsthemen in der Arbeit mit dem Psychodrama“, der vierte Teil des Buches, setzt sich über vier Kapitel mit dem professionellen Umgang mit emotionaler Verletzung, Widerstand, gruppendynamischen Prozessen und interkulturellen Dimensionen in der Therapie und Beratung auseinander. Dabei stehen ressourcenorientiertes Arbeiten, Schutz und Sicherheit für alle Beteiligten und selbstkritische Beobachtung im Vordergrund. Die Autoren erklären den sinnvollen Einsatz einzelner Arrangements und Techniken zur Bewältigung dieser Herausforderungen.

Im fünften und letzten Teil, „Psychodrama-Wirkungsforschung“, diskutieren die Autoren die empirische Wirksamkeit und die theoretische Erklärung der Wirksamkeit des Psychodramas. Sie würdigen die in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Studien und stellen gleichzeitig fest, dass die empirische und theoretische Forschung zur Stärkung des Psychodramas als Verfahren intensiviert werden müsste. Zu den wichtigsten Wirkfaktoren zählen die Autoren den Rollentausch, die Katharsis, die Konzepte von Begegnung und Tele sowie „die Erlebnisaktivierung in der psychodramatischen Surplus Reality“ (S. 283).

Das Buch bietet einen guten Überblick über das Verfahren des Psychodramas und grenzt es durch fundierte Belege seiner Methoden und theoretischen Grundlagen von anderen Verfahren deutlich ab. Es ist ein Grundlagenwerk für interessierte Psycholog(inn)en, Psychotherapeut(inn)en und die verschiedenen psychosozialen Berufsgruppen. Das Werk verfügt über eine klare Struktur und macht dem (der) Leser(in) die Funktion der psychodramatischen Arrangements und Techniken durch detaillierte Fallbeispiele und Abbildungen leicht verständlich. Damit ist es auch für Studierende als Einstieg in das Psychodrama geeignet. Am Ende jedes Kapitels sind die Kernaussagen zusammengefasst. Das Buch führt mit den ersten beiden Teilen über eine theoretische Auseinandersetzung mit den Werkzeugen des Psychodramas in die Praxis ein und darauf aufbauend können die philosophischen und theoretischen Grundlagen des Psychodramas im dritten Teil leichter verstanden werden. Darüber hinaus werden die Möglichkeiten und Grenzen des Psychodramas in Berührung mit wichtigen Querschnittsthemen vertiefend diskutiert. Besonders wichtig ist die kritische Betrachtung von Morenos Erbe, seine Bedeutung für die psychodramatische Praxis und die Erkennung des nötigen Forschungsbedarfs.

Insgesamt ist das vorliegende Werk als gelungen und empfehlenswert zu bezeichnen.

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