Der Mensch im Anthropozän und parasitäre Objekte

Liviu Poenaru

Ein geochronologischer Begriff wie Anthropozän scheint räumlich und konzeptuell weit von der psychotherapeutischen Praxis entfernt zu sein, welche sich hauptsächlich – um nicht zu sagen ausschliesslich – mit der inneren Welt der Individuen befasst. «Anthropozän» bezeichnet eine Epoche der Erdgeschichte, die durch eine bedeutende Auswirkung menschlicher Aktivitäten auf das irdische Ökosystem gekennzeichnet ist. Es wird angenommen, dass die Aktivitäten sich ebenso auf die Geosphäre auswirken wie eine geologische Kraft, die die Lithosphäre (die starre Erdhülle) zu verändern imstande ist. Diese Hypothese wird von WissenschaftlerInnen und Medien, insbesondere in Verbindung mit dem sogenannten «Klimawandel», regelmässig hervorgebracht. Unabhängig von den Kontroversen und Argumenten, die für diesen Einfluss des Menschen auf die Erde sprechen, werfen der gesunde Menschenverstand und unser Verhältnis zu einer Wirklichkeit, die immer stärker von einer Technologie beherrscht wird, die die Natur – auch die des Menschen – beständig verändert, einige Fragen auf. Kollaterale und systemische Auswirkungen dieser Entwicklung kippen das Konzept des Anthropozän in Bezug auf soziale und psychologische Tatsachen, da es sich um ein Phänomen handelt, das an der Schnittstelle zwischen Mensch und Natur stattfindet.

Ist also der Versuch, eine Verbindung zwischen einem geologischen Begriff und dem derzeitigen psychologischen Zustand der Bevölkerung herzustellen, bei Weitem zu spekulativ? Ist es zu gewagt, die Auswirkungen des Anthropozäns nicht nur auf die Erdhülle, sondern auch auf die Hülle des individuellen Ichs zu hinterfragen, wenn man bedenkt, dass es unsere Aktivitäten sind, welche die Ressourcen der Erde ausbeuten, um den technologischen Appetit des Menschen und sein immer vermesseneres Bedürfnis, die Natur zu beherrschen, sie zu seinem Spielball zu machen, zu befriedigen? Wäre eine klinische Bestandsaufnahme des Anthropozäns, die die Veränderungen unserer Umwelt und deren Auswirkung auf die geistige Gesundheit berücksichtigt, sinnvoll? Die Aufgabe ist komplex, da nicht nur die terminologischen und perspektivischen Unterschiede, sondern auch fehlende theoretische Überlegungen aus einer klinischen Bestandsaufnahme, die sich spezifisch mit diesen Fragen befasst, in Betracht zu ziehen sind. Und dennoch ist der Mensch der aktive Handlungsträger in diesem Prozess, der einen zum Standard gewordenen Konsum bedingt – gemäss einer Norm, die die Schuld an der massiven Zerstörung, aus der die Konsumgegenstände hervorgehen, sowie die weitreichende Beeinträchtigung des Ökosystems durch das Abladen von Abfällen in der (Mutter) Natur reinwäscht.

Laut Angaben der WHO (2012) wird die Zahl der Toten (ohne Berücksichtigung chronisch kranker Menschen), die auf den Klimawandel und insbesondere auf die Nutzung fossiler Brennstoffe (und deren Auswirkung auf die Kohlendioxyd-Konzentration in der Atmosphäre), auf Niederschläge, Überschwemmungen und Dürren zurückzuführen sind, welche ganze Bevölkerungen und deren Lebensgrundlage durch ihren Beitrag zur Verbreitung von Infektionskrankheiten oder den Anstieg allergener Partikel in der Luft dezimieren, jährlich in Millionen gezählt. Verluste von Menschenleben stehen auch mit der Gefahr von durch die Vertreibung von Bevölkerungsgruppen entstehenden Konflikten, mit durch Wasser verbreiteten oder über Vektoren wie Mücken übertragenen Krankheiten (die weltweit tödlichsten Krankheiten), mit Unterernährung infolge von sinkender Agrarproduktion in verheerten Regionen, die die Menschen für Infektionskrankheiten anfälliger machen etc., in Verbindung. Hinzuzählen kann man auch die Verkehrsunfälle, die mit dem Erdölkonsum korrelieren. Zu Letzterem äussert Stephen Healy (2014), der Klimawandel sei ein Symptom der Sucht nach Erdöl (dessen globaler Konsum von Jahr zu Jahr ansteigt), die zudem als globale Abhängigkeit erkannt wurde, und die in den Fördergebieten sowie in weiter gefasstem Massstab eine ökonomische, sozio-politische Toxizität hervorruft, wegen der einige bereits vom «Exkrement des Teufels» (vgl. Steiner, 2014) sprechen.

Klinische Auswirkungen des neuen Ökosystems?

Die Frage nach der Umwelt des Individuums ist in psychologischen Studien und in den Naturwissenschaften wohl bekannt. Die Umwelt eines Kindes besteht hauptsächlich aus einer Mutter, einem Vater (und weiteren Angehörigen) und mehreren Bildschirmen (Fernseher, Telefone etc.), welche die Kultur des Konsums, in der wir nunmehr von Geburt an eingebettet sind, vermitteln. Die Nichtbeteiligung an dieser Kultur erzeugt eine soziale Ausgrenzung, die ihrerseits psychologischen Störungen zugrunde liegt. Das Verhältnis zu einem Ökosystem, das für das biologische, klimatische, ökologische etc. Gleichgewicht erforderliche natürliche, kulturelle und soziale Elemente liefert, wird durch eine neue Definition der Prioritäten und der auf dem Spiel stehenden Gleichgewichte beeinträchtigt.

In einer der Ausgaben von à jour! (4/2016) haben wir die Auswirkung einer frühen, exzessiven und nicht angeleiteten Nutzung von Bildschirmen (die wichtigsten Konsumvehikel) behandelt: Entwicklung einer passiven Haltung gegenüber der Welt, Verminderung der Fähigkeit zur räumlichen Orientierung, Verzögerung der Sprachentwicklung, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefizite, tyrannische Verhaltensweisen etc. Diese Feststellungen fordern zum Nachdenken über den technologischen Stress auf. Benjamin Stora (2016) nennt den Stress das «neue Unbehagen der Zivilisation», und greift somit die Freud’sche Überlegung zum ewigen Kampf einer Zivilisation zwischen dem Lebenstrieb und dem Todestrieb auf. Eine seiner Varianten ist der technologische Stress (Technostress), den Craig Brod 1984 – lange vor der allgegenwärtigen Herrschaft der Technologie in der heutigen Zeit – als «eine moderne Anpassungsstörung aufgrund der Unfähigkeit, mit den neuen Informationstechnologien in gesunder Weise umzugehen» (Brod, 1984) definierte.

Unsere Kultur ist deutlich von der Logik der Globalisierung und des Kapitalismus, der sowohl auf ökologischer als auch auf psychologischer und Verhaltensebene für zahlreiche Veränderungen verantwortlich ist, geprägt. Eine weitere Auswirkung dieser Dynamik ist der Berufsstress (den Stora als «Übel des Jahrhunderts» bezeichnet), der vom konstanten technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt, von der Notwendigkeit des Erwerbs neuer Kompetenzen zur Steigerung der Produktivität in immer extremeren zeitlichen Abständen, welche den sozialen Austausch am Arbeitsplatz, die Unsicherheit der Beschäftigung etc. beeinflussen, verursacht wird. Die Weltgesundheitsorganisation weist in einem ihrer Berichte (2008) auf mehrere Forschungsergebnisse hin, die bei hohen Erwartungen im Beruf ein siebenmal höheres Risiko für psychologische Erschöpfung, bei fehlender Unterstützung durch ArbeitskollegInnen ein zweimal höheres Risiko für Nacken- und Rückenschmerzen, bei fehlender Beherrschung der beruflichen Aufgaben ein zweimal höheres Risiko kardiovaskulärer Sterblichkeit, bei Bluthochdruck ein dreimal höheres Risiko hypertensiver Erkrankungen etc. nachgewiesen haben.

Zudem sind ebenso laut WHO (2016) häufig auftretende psychische Störungen weltweit auf dem Vormarsch: «Zwischen 1990 und 2013 nahm die Zahl der unter Depressionen und/oder Angstzuständen leidenden Personen von 416 Millionen auf 615 Millionen um fast 50% zu. Fast 10% der Weltbevölkerung ist betroffen und psychologische Störungen machen 30% der weltweiten nicht tödlichen Erkrankungen aus.»

Die Ursachen für diese Art von Störungen sind bekannt: psychologische, biologische und umweltbezogene Faktoren. Doch um welche Umwelt handelt es sich dabei? In den üblichen Analysen werden das familiäre und berufliche Umfeld berücksichtigt. Welche Rolle spielt die Globalisierung und die durch Internet und Fernsehen ständig beeinflusste Weltsicht in dieser Gesellschaftsentwicklung? Hat sie nicht dauerhafte und schädliche Auswirkungen, die zusammen zur Zerstörung des Ökosystems, aber auch zur Zerstörung des Ichs führen? Nutzt das vernetzte Ich dieselben Verteidigungsmechanismen? Hat das vernetzte Über-Ich dieselben Ansprüche und übernimmt es in diesem neuen Zusammenhang dieselben Gebote und Verbote?

Konsum führt zu übermässigem Erwerb von physischen Gegenständen, für die eine Geldausgabe erforderlich ist, und schliesst den Stress des Verdienens ein. Der Stressfaktor, den notwendige, unvermeidliche und gleichzeitig schädliche parasitäre Objekte darstellen, scheint mir derzeit wegen der Faszination, die die Technologie auf uns alle ausübt, ungenügend bewertet. Ungeachtet dessen ist die Verpflichtung, täglich auf mehrere Dutzend E-Mails zu antworten, den Benachrichtigungen des Smartphones, welches uns in unseren Tätigkeiten und Gedanken systematisch unterbricht, zu folgen und darauf zu reagieren, bereits als Stressfaktor, der Hyperstimulation und eine «Zapping»-Denkweise begünstigt, anerkannt. Die Lichtreize der Bildschirme und ihre wohlbekannten Auswirkungen auf die Schlafqualität und -dauer tragen zu der von uns untersuchten Beeinträchtigung bei. Merken wir an, dass Parasitismus eine Koevolution von Parasit und Wirt voraussetzt. Letzterer trägt zum Überleben des Parasiten bei, indem er ihm Nahrung, Energie, Schutz etc. bietet.

Paul Virilio (2010), einer der Vorkämpfer gegen die Beschleunigung, die Zeit und Raum unter der Einwirkung des Fortschritts verändert – die Erfindung des Flugzeugs ist die Erfindung des Absturzes, bemerkt er –, ist der Auffassung, es sei dringend geboten, die desaströsen Folgen der Zeit der Cybergesellschaft und des technischen Wissens zu überdenken, um die Zukunft des Lebens nicht allein in die Hände von Mathematikern, Genetikern, Informatikern oder Physikern zu legen. Virilio ist der Meinung, dass die Religion der Geschwindigkeit eine Überflutung durch das Reale erzeugt, deren Kehrseite die Flucht aus dem Realen ist. Eine Flucht, die eine Erhöhung der Geschwindigkeit fordert. In La gouvernance par les nombres stellt Alain Supiot (2015) fest, dass die Menschheit an eine «katastrophale Grenze» gelangt ist, die viele Gründe hat, unter anderem das Eingeschlossensein in spekulativen Blasen1, die uns den Kontakt mit dem Realen verlieren lassen, welches daraufhin wie ein Bumerang zurückkehrt. Wir können uns daher die Frage stellen, ob uns die Berücksichtigung beispielsweise des Klimawandels nicht durch das Eingeschlossensein in Blasen (Internet, Fernsehen), welche eine quasi ständige Verleugnung der Realität durch die manische Propaganda eines unvermeidlichen Fortschritts durch Wachstum und Konsum erzeugt, verborgen bleibt.

Mechanismen

1932 führen Albert Einstein und Sigmund Freud einen Dialog über den Krieg und die starken psychologischen Kräfte, die den Menschen dazu bewegen, sich jenseits der Ordnung von Staat und Zivilisation zu begeben. Einstein hält zunächst die Existenz der Macht einer Minderheit fest (die Führer), die die Massen, welche sich bis zum Wahnsinn und zum Opfer anstacheln lassen, unterwirft. Freud erklärt das prekäre und sich ständig neu einstellende Gleichgewicht, dem eine auf das Recht der Individuen gegründete Zivilisation ausgesetzt ist, und besteht auf der Untrennbarkeit von «Lebenstrieb – Todes­trieb», die für die Fortführung des Lebens unabdingbar ist: «Mit etwas Aufwand von Spekulation sind wir nämlich zu der Auffassung gelangt, daß dieser Trieb innerhalb jedes lebenden Wesens arbeitet und dann das Bestreben hat, es zum Zerfall zu bringen, das Leben zum Zustand der unbelebten Materie zurückzuführen» (Freud, 1933b, S. 22). Sollte man gegen diese zerstörerische Kraft aufbegehren – die unmöglich beseitigt werden kann – oder sie als unveränderlichen Bestandteil des Auf und Ab des Lebens akzeptieren? «Er scheint doch naturgemäß, biologisch wohl begründet, praktisch kaum vermeidbar», fügt Freud hinzu (ebd., S. 24).

Gehören das Anthropozän und sein Aushängeschild, der Klimawandel, zu den extremsten Symptomen dieser notwendigen Gewalt, die das Leben (und den Planeten) in den Zustand unbelebter Materie zurückführen will? Die Natur wird üblicherweise mit der «Mutter» assoziiert. Was lässt sich nun zur menschlichen Beziehung zur Natur in der von uns beobachteten Dynamik sagen? Wir kennen das Schicksal, das der Mensch im Industriezeitalter für die Mutter und für Frauen reserviert hat. Es verdeutlicht das konfliktbeladene Verhältnis aus frühen Erfahrungen, bei denen die Mutter, um der Schnelligkeit willen, zum Stillen gebraucht, benutzt und zurückgewiesen wird – eine Abfolge, die auf merkwürdige Weise an den Konsumprozess erinnert: Rohstoffe fördern, um sie zu verbrauchen und schliesslich in Form von Abfall zu verwerfen, ganz nach Art einer Projektion der «Rückkehr zur Mutter Natur», durch die diese jedoch verschmutzt und zerstört wird. Diesbezüglich sei angemerkt, dass die Todesfälle aufgrund häuslicher Gewalt immer noch eine der bedeutendsten Ursachen für die Sterblichkeit von Frauen unter 40 Jahren sind, und dass solche Akte innerhalb einer Paarbeziehung stattfinden, welche Mann und Frau eigentlich in Liebe vereinen sollte. Ist also der Mann demnach der Hauptakteur des im Menschen biologisch vorprogrammierten To­des­triebs?

Die Rolle des Vaters muss ebenso berücksichtigt werden, da sie für den Konsumprozess sicherlich nicht folgenlos bleibt. In Totem und Tabu gibt Freud (1912–13a, S. 425f.) zu Bedenken: «Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende. […] Nun setzten sie im Akt des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an». Viele kritisieren den Verlust an väterlicher Orientierung in der heutigen Gesellschaft – es wäre interessant, die Erforschung des Konsumwahns und seines Zusammenhangs mit der Vaterfigur in ihrer heutigen Erscheinungsform voranzutreiben.

Wie auch die kognitive Psychologie, die Neuropsychologie, die Neurowissenschaften etc. hat die Psychoanalyse versucht, das Konsumphänomen mit verschiedenen Hilfsmitteln und Per­spektiven zu greifen. Manchmal, um das dem Akt zugrundeliegende Leiden zu verstehen, manchmal, um die normalen (und nicht zwingend pathologischen) Bedürfnisse des Individuums besser zu entschlüsseln und das Kaufverhalten zu begünstigen (siehe die Arbeiten im Bereich Neuromarketing, die hauptsächlich belegen, dass der wahre Entscheidungsträger unser Reptiliengehirn ist). In der Psychopathologie kennen wir alle die vorherrschenden Erklärungstheorien, welche Verhaltensweisen wie Triebkäufe und Klammern an Gegenständen, die zur Sucht oder gar zur Selbstzerstörung und bis zum Tod führen können, insbesondere durch einen Mangel an Zuneigung und Befriedigung begründen.

Welche Art von Bewältigung?

Was kann man nach diesem kurzen Überblick über einige Faktoren, die unsere Erde, unsere Umwelt und wahrscheinlich unsere psychologische Funktionsweise in beunruhigender Weise verändern, über den Umgang mit dem Zeitalter des Anthropozäns und der parasitären Objekte sagen, die das Ich und den Planeten in Mitleidenschaft ziehen? Die Frage der inneren vs. äusseren Werte des Individuums kann aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden: Psychologie, Philosophie, Soziologie, Moral, Religion, Geschichte etc. Welcher Platz soll in unserem Rahmen, dem der Psychotherapie mit Fokus auf das Subjekt, das eine variable Bandbreite an psychologischen Schwierigkeiten zwischen der Neurose und der Psychose aufweist, den erwähnten Umweltfaktoren eingeräumt werden?

Die Technosphäre, die im Mittelpunkt dieser Überlegung steht, wird bei klinischen Debatten selten berücksichtigt, noch weniger beim psychoanalytischen Ansatz, der hauptsächlich frühe Bindungsverhältnisse und die innere Welt ins Auge fasst. Wie oben bereits angesprochen, werden die frühen Bindungsverhältnisse bereits von Bildschirmen begleitet, die eine für das Ich in seiner Beziehung zur realen Umwelt potenziell schädliche virtuelle Realität schaffen. Es scheint daher wichtig, bei der klinischen Bestandsaufnahme – und ich kann mich dabei nur auf die psychoanalytische Klinik, meinen Bereich, beziehen – ebenso die frühen Bestandteile im Prozess der Ich-Bildung wie auch die virtuellen Bestandteile (parasitäre Objekte, stützende Objekte etc.) auszumachen, welche eine Fernwiederholung in Abwesenheit des konkreten Objekts (aus Liebe oder Hass) erlauben und somit die Ursache besonderer Dynamiken darstellen.

Und da wir unweigerlich von parasitären Objekten (technologischer Art) umgeben sind, die eine Quelle von Anziehung, Verschmutzung, Stress oder gar Sucht sind, ist es notwendig zu wissen, welchen Stellenwert sie in der derzeitigen Umwelt des Individuums einnehmen, und auch die Art und Weise zu prüfen, wie sie in das Ich integriert sind, die Verteidigungsmechanismen und die eingesetzten reizschützenden Kräfte, die Funktion dieser Objekte und ihre Auswirkungen auf die psychische Dynamik des Individuums.

Jenseits der psychopathologischen Interpretation und zusätzlich dazu ist die Frage, die mich beschäftigt und die eher einer menschlichen Ethik und einer Lebensphilosophie als einer streng psychotherapeutischen Ethik entspringt, folgende: Welche Rolle sollen PsychotherapeutInnen bei der Ortung parasitärer Objekte in der Umwelt der PatientInnen und bei der Neuausrichtung der komplexen Beziehungen spielen, die sich daraus auf normaler (im Sinne einer Normalisierung von Stress und Konsum) und pathologischer Ebene ergeben? Die Schwierigkeit besteht selbstverständlich in der Möglichkeit, auf die Rolle des Therapeuten zu verzichten, um die Rolle des Erziehers einzunehmen. Sind diese Rollen in unserem Beruf getrennt oder ergänzen sie sich und ist ihre Verbindung erforderlich? Dieses Dilemma wird zum Teil von André Green (2002) gelöst:

«Es lässt sich nicht mehr erkennen, wie die psychoanalytische Theorie, welche die Umwelt in diesem Maße außer Acht lässt, um Ideen aus dem alleinigen analytischen Rahmen zur Geltung zu bringen, im derzeitigen Wissenskanon noch Interesse verdienen kann. Eine Psychoanalyse, die in diesem Maße das, was sie in der Welt bezeugt, von dem, worüber sie im Innern des analytischen Rahmens Kenntnis besitzt, trennt, ist buchstäblich schizophren.»

Es ist anzunehmen, dass der andere Teil des Dilemmas durch die persönliche Ethik, ohne wirkliche Stützpfeiler im psychoanalytischen Ansatz, welcher sich nicht ohne Grund an den Stellenwert des inneren Objekts hält, gelöst werden muss. Daher scheint es notwendig, einen Arbeitsrahmen zu definieren, der die erzieherischen Aspekte (mittelbar oder unmittelbar, implizit oder explizit) und den Umgang mit ihnen im Rahmen der Therapie sowie die Art und Weise miteinbezieht, wie sie sich an den auferlegten Grenzen zumindest in der psychoanalytischen Theorie äussern. Ein solcher Rahmen muss die freie Assoziation ermöglichen, um ausschliesslich die Vorstellungswelt und das innere Objekt zum Sprechen zu bringen. Ist das innere Objekt nicht ebenso äusserlich? Erfordern die inneren Figuren in der Umwelt nicht auch eine Neugestaltung der Beziehungen? Wenn eine Frau von ihrem Mann geschlagen wird, muss man sich strikt an die Analyse ihres Masochismus halten oder ihren Schutz vor der Gewalt organisieren? Ist die Von-Angesicht-zu-Angesicht-Methode (mit der zahlreiche Situationen vom neurotischen Individuum bis zum psycho-sozialen Notfall behandelt werden) nicht grundsätzlich verschieden vom Sofa-Sessel-Rahmen, welcher sich in erster Linie an die inneren Objekte halten sollte?

Das vom Anthropozän geschaffene Ökosystem und seine Nebenprodukte hängen schlussendlich nicht von der individuellen Geschichte, sondern von der kollektiven Geschichte ab, und PsychotherapeutInnen stehen in der Pflicht, diese ebenfalls zu berücksichtigen, um eine Kata­strophe zu vermeiden. In den Grenzen des mir gesetzten Rahmens habe ich hier nur einige Fäden des gewaltigen Netzes skizziert, das das Anthropozän, die irdische/psychische Hülle und die parasitären Objekte, die es bevölkern, ausmacht. Die wesentliche Elaborationsarbeit muss noch geleistet werden.

Literatur

Brod, C. (1984). Technostress. The Human Cost of the Computer Revolution. Reading, Mass: Addison Weslety.

Freud, S. (1912–13a). Totem und Tabu. In ders., GW IX.

Freud, S. (1933b [1921]. Warum Krieg? In ders., GW XVI, 13–27.

Green, A. (2002). Idées directrices pour une psychanalyse contemporaine. Paris: PUF.

Healy, S. (2014). Psychoanalysis and the Geography of the Anthropocene: Fantasy, Oil Addiction and the Politics of Global Warming. In P. Kingsbury & S. Pile (Hrsg.), Psychoanalytic Geography (S. 181–198). Burlington: Ashgate Publishing.

Steiner, R. (2014). The True Cost of Our Oil Addiction. http://www.huffingtonpost.com/richard-steiner/true-cost-of-our-oil-addiction_b_4591323.html (16.05.2014).

Stora, B. (2016). Le stress. Paris: PUF.

Supiot, A. (2015). La gouvernance par les nombres. Paris: Fayard.

Virilio, P. (2010). Le Grand Accélérateur. Paris: Editions Galillée.

WHO (2008). Sensibilisation au stress professionnel dans les pays en développement. http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/43703/1/9789242591651_fre.pdf (16.05.2017).

WHO (2012). Santé et changement climatique. http://www.who.int/features/factfiles/climate_change/facts/fr/ (16.05.2017).

WHO (2016). Les investissements dans le traitement de la dépression et de l’anxiété rapportent quatre fois leur valeur. http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2016/depression-anxiety-treatment/fr/ (16.05.2016).

Liviu Poenaru ist Psychotherapeut in der ASP. Er lebt und arbeitet in freier Praxis in Genf und gehört dem Redaktionsteam von à jour! an.

liviu.poenaru@gmail.com

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