16_FOK_Schlegel

Kriterien wissenschaftlich begründeter Psychotherapie

Zur Abgrenzung der Analytischen Psychologie Jungs als wissenschaftlich begründetem Psychotherapie-Verfahren von der Transpersonalen Psychologie und der Esoterik

Mario Schlegel

«Wir haben Weltanschauung nicht für die Welt, sondern für uns» (C. G. Jung)

Peter Schulthess hat als Mitglied des Scientific Validation Committee der European Association for Psychotherapy mit mir darüber gesprochen, dass die «Transpersonale Psychologie» sich bei ihrem Gesuch um Anerkennung als wissenschaftlich fundierte Psychotherapie bei der EAP auf C. G. Jung als einem ihrer Begründer berufen habe, und wollte von mir als Jung‘schem Psychoanalytiker wissen, ob die Analytische Psychologie auch eine transpersonale Psychologie sei. Ich verneinte es und lieferte eine schriftliche Begründung dazu.

Peter Schulthess publizierte im «à jour!» auch den Artikel «Psychotherapie gehört abgegrenzt von der Transpersonalen Psychologie und der Esoterik» (Schulthess P, 2015 b). Er ist eine Kurzfassung des Artikels in der Zeitschrift «GESTALTTHERAPIE»: «Die Transpersonale Therapie transzendiert die Grenzen des Gebietes der Psychotherapie» (Schulthess, P. 2015 a). Der Artikel im «à jour!» hat zu einer breiten Diskussion geführt, was zeigt, dass dieses Thema bei den praktizierenden PsychotherapeutInnen eine hohe Relevanz hat.

Mein Beitrag ist dadurch begründet, dass die Jung‘schen PsychotherapeutInnen von dieser Thematik besonders betroffen sind, weil von praktisch allen esoterischen, metaphysischen, transzendentalen und Quantum-Mind Richtungen auf Jung verwiesen wird, was sich auf den Ruf des wissenschaftlichen Status der Analytischen Psychologie ungünstig auswirkt.

Schulthess schreibt in seinem ungekürzten Artikel, dass «im deutschsprachigen Raum von Vertretern der Transpersonalen Psychologie auch die Analytische Psychologie mit ihrem Konzept der Archetypen und dem kollektiven Unbewussten als Transpersonale Psychologie verstanden» wird.

An diesem Punkt möchte ich ansetzen. Das kollektive Unbewusste, dessen Inhalte laut Jung die Archetypen sind, ist nicht einfach zu verstehen. Jung selbst konstatiert vier Jahre vor seinem Tod, «dass der Begriff des ‚Archetypus’ Anlaß zu größten Missverständnissen gibt und demnach vermutlich sehr schwer verständlich ist, wenn man der ablehnenden Kritik Glauben schenken darf.» (Jung C. G. 1957, § 1258).

Dass das Konzept der Archetypen schwer verständlich ist, rührt daher, dass es sehr umfassend angelegt ist. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive versteht Jung die Archetypen als evolutionsbiologische Anpassungen, entsprechend den Instinkten oder den «patterns of behavior». Sie äussern sich psychisch als mythologische Bilder, mit denen sich auch die Geisteswissenschaften beschäftigen. Um das Ganze noch schwieriger zu machen, kam im Übergang der 1940er- zu den 1950er-Jahren durch die Zusammenarbeit Jungs mit Wolfgang Pauli, dem Nobelpreisträger für Atomphysik, noch hinzu, dass den Archetypen die Funktion als «Anordner» von physikalischen und psychischen Phänomenen zugesprochen wurde. Damit bekommen die Archetypen eine Funktion im Materie-Geist-Zusammenhang und eine Verwandtschaft zu Platons Ideen. An diesem Punkt setzen die Kritik der etablierten Wissenschaft und ebenso die Begeisterung der esoterisch orientierten Richtungen an.

Jung war sich der Problematik der Nähe zu Platons Ideenlehre durchaus bewusst. Als Kantianer hat er aber seine Psychologie auf ein erkenntnistheoretisches Fundament gestellt, das er ausführlich an verschiedenen Stellen explizit gemacht hat, und das heute dem neurobiologischen Kon­struktivismus entspricht (Schlegel 2005).

Bei der Beurteilung der Archetypentheorie Jungs müssen wir Nachgeborenen die historische Perspektive des Zeitgeistes in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Betracht ziehen.

In der Mitte der 50er-Jahre befanden sich Jung und Pauli im wissenschaftlichen Diskurs ihrer Zeit. Meines Erachtens muss die Erweiterung der Archetypentheorie zum Prinzip der synchronistischen Anordnung von Geist und Materie äusserst attraktiv gewesen sein. Sie wurde damit gleichsam zu einer «Theorie von Allem», zu einem vielversprechenden Ansatz für die Weltformel, die von den damals grössten Geistern gesucht wurde, wie zum Beispiel von Einstein, von dem Jung im persönlichen Gespräch entsprechende Anregungen bezüglich der Relativität von Raum und Zeit im Unbewussten bekommen hatte (vgl. Jaffé, 1979, S. 67), oder von Heisenberg, der zum Schluss gekommen ist, dass die landläufigen Einteilungen der Welt in Subjekt und Objekt, Innenwelt und Aussenwelt, Körper und Seele nicht mehr passen wollen (ebd. S. 77/78), um nur zwei von ihnen zu nennen.

Obwohl Jung und Pauli offensichtlich von ihren Einsichten auch persönlich berührt waren, haben sie die kritische wissenschaftliche Perspektive immer beibehalten und die erkenntnistheoretische Schwelle nicht überschritten. Beide bezeichneten ihre Theorie als Mythologie. So schrieb Jung in einem Brief 1958:

«Wenn ich daher gelegentlich von einem ‚Anordner‘ rede, so ist das reine Mythologie …» (ebd. S. 80)

Weiter schreibt Jaffé: «Pauli nannte die Synthese, welche das rationale Verstehen wie das mystische Einheitserlebnis umfasst, den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Mythus unserer Zeit.» (ebd. S. 82)

Der «Anordner» ist ein Behelf, eine Metapher, die Jung nie in Materielles umgegossen und als objektive Wahrheit verkündet hat.

Allzu leicht wird die erkenntnistheoretische Position Jungs von esoterisch veranlagten Menschen nicht wahrgenommen, indem sie die Archetypen als objektive Wahrheiten, gleichsam als Götter, verstehen wollen. Jung hingegen hat in seiner Definition beim Stichwort «Archetypus» weiter verwiesen auf das Stichwort «Bild», wo er den Begriff der Archetypen abhandelt (Jung, 1995). Eine klarere Abgrenzung hätte er wohl nicht ziehen können, denn alles unter dem Stichwort «Bild» muss als Symbol oder Metapher verstanden werden. So geht es, um ein Beispiel zu nennen, beim Archetypus des Gottesbildes um das Symbol eines psychischen Inhaltes und nicht um ein objektives «an sich». Der Archetyp ist somit nicht transpersonal im Sinne der Transpersonalen Psychologie als etwas jenseits des Menschen Bestehendes. Transpersonal im Sinne der Analytischen Psychologie ist das Zwischenmenschliche, das Dazwischen oder, in heutiger Terminologie, das Intersubjektive. Dies wird auch in der Gestaltpsychologie so verstanden (Wegscheider H, 2015, S. 22).

Schliesslich möchte ich Jung selbst zu Wort kommen lassen mit einem Absatz über Welt- und Menschenbilder:

«... Wir haben das Bedürfnis nach Weltanschauung ( ). Wenn wir uns aber nicht rückwärts entwickeln wollen, so muß eine neue Weltanschauung jeden Aberglauben an ihre objektive Gültigkeit von sich abtun, sie muß sich zugeben können, daß sie nur ein Bild ist, das wir unserer Seele zuliebe hinmalen, und nicht ein Zaubername, mit dem wir objektive Dinge setzen. Wir haben Weltanschauung nicht für die Welt, sondern für uns. Wenn wir nämlich kein Bild von der Welt als Ganzem erschaffen, so sehen wir auch uns nicht, die wir doch getreue Abbilder eben dieser Welt sind. Und nur im Spiegel unseres Weltbildes können wir uns völlig sehen. Nur in dem Bilde, das wir erschaffen, erscheinen wir. Nur in unserer schöpferischen Tat treten wir völlig ins Licht und werden uns selber als Ganzes erkennbar. Nie setzen wir der Welt ein anderes Gesicht auf als unser eigenes, und eben darum müssen wir es auch tun, um uns selbst zu finden. Denn höher als der Selbstzweck der Wissenschaft oder Kunst steht der Mensch, der Schöpfer seiner Werkzeuge. Nirgends stehen wir näher dem vornehmsten Geheimnis aller Ursprünge als in der Erkenntnis des eigenen Selbst, das wir immer schon zu kennen wähnen. Aber die Tiefen des Weltraumes sind uns bekannter als die Tiefen des Selbst, wo wir das schöpferische Sein und Werden fast unmittelbar belauschen können, allerdings ohne es zu verstehen.» (Jung, 1931, 8 § 737).

Aus diesem Grund ist die Analytische Psychologie kein Glaube. Ihre Nähe zur erkenntnistheoretischen Schwelle macht – zugegeben – aber einen Teil ihres Charmes aus.

Literatur

Jaffé A. (1979), Aus C.G. Jungs Welt, Gedanken und Politik. Werner Classen Verlag, Zürich. (Zitat Jung: Brief an Schmid, 11. 6.1958, Briefe III, S. 190. Zitat Pauli: Die Wissenschaft und das abendländische Denken. In Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie, Braunschweig 1961, S. 112)

Jung C. G. (1957) Vorwort zu Jacobi Komplex Archetypus in der Psychologie C. G. Jungs. GW Bd. 18/2 § 1256-1258. Walter, Sonderausgabe 1995

Jung C. G. (1931) Analytische Psychologie und Weltanschauung. GW Bd. 8, § 689-748. Walter, Sonderausgabe 1995

Jung C. G. (1995) Definitionen. GW Bd. 6, § 688-699. Walter, Sonderausgabe 1995

Schlegel M. (2006), Das Sinnerlebnis in der Analytischen Psychologie – Psychotherapie und Sinnfindung im Spannungsfeld zwischen Erklärung und Ergriffenheit. In: Mattanza G, Meier I, Schlegel M (Hrsg.). Seele und Forschung, Ein Brückenschlag in der Psychotherapie. S. 178-198, Karger

Schulthess P. (2015a) Die Transpersonale Therapie transzendiert die Grenzen des Gebietes der Psychotherapie. GESTALTTHERAPIE, Forum für Gestaltperspektiven 29, no. 1: 102-124.

Schulthess P. (2015b) Psychotherapie gehört abgegrenzt von der Transpersonalen Psychologie und Esoterik. Gekürzter Artikel von 2015a. à jour! no. 1: S. 23-26.

Wegscheider H. (2015). Das "Zwischen" - ein intersubjektives Drittes. GESTALTTHERAPIE, Forum für Gestaltperspektiven 29, no. 1: 3-22.

Mario Schlegel, Dr. sc. nat. ETH, Lehranalytiker, Supervisor und Dozent am C. G. Jung-Institut, Zürich, Leiter der Wissenschaftskommission der Schweizer Charta für Psychotherapie und Co-Präsident des «Internationalen Netzwerkes Forschung und Entwicklung in der Analytischen Psychologie Dreiländergruppe» (INFAP3), Psychotherapeut ASP in eigener Praxis.

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