Interview mit einem Mitglied der ASP

Eliane Schnellmann

Was waren Ihre Beweggründe, den Beruf einer Psychotherapeutin zu wählen?

Ich habe in erster Linie dieses Tätigkeitsfeld gewählt, weil es sich so vielgestaltig zeigt, immer wieder von neuem nach kreativen Lösungsansätzen sucht und es nie zu Routineabläufen kommt. Mir gefällt auch die von Ellert Nijenhuis gebrauchte Metapher «eine gelungene Psychotherapie ist ein Tanz zwischen Therapeut und Patient».

In Selbsterfahrungsprozessen habe ich mithilfe erlebnisaktivierender Methoden und einer phänomenologisch-hermeneutischen Herangehensweise tiefgreifende Erkenntnisse über mich und mein So-geworden-Sein sowie über mir wichtige Bezugspersonen machen dürfen. Auch der Einbezug des Lebenskontextes kam bei der Selbstreflexion nicht zu kurz. Dieses neue Bewusstsein über mich entwickelte sich in sicheren therapeutischen Bindungsgefügen und wiederholten solidarischen Erfahrungen in Gruppen. Letztendlich trug es entscheidend zu einem positiven Identitätsprozess und einer kontinuierlich und kohärent erlebten Persönlichkeit bei. Ich lernte mein Leben aktiv mitzugestalten und mit unveränderbaren Situationen gelassener umzugehen. Diese Wege der Heilung und Förderung, wie sie Hilarion Petzold konzipiert hat und die sowohl leibliches Erleben, emotionale Erfahrungen als auch rationale Einsicht berücksichtigen, erlebte ich als sehr sinnstiftend. Aufgrund meiner starken Überzeugung über die Wirksamkeit dieser Wege war ich als berufliche Quereinsteigerin sehr motiviert, alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Psychotherapieberuf von Grund auf zu erlernen.

 

Was ist Ihr beruflicher Werdegang/Hintergrund?

1969 in Lachen SZ geboren, habe ich meine Kindheit und Jugend in der March verbracht. Mein beruflicher Werdegang wurde zu Beginn stark von meinen Eltern beeinflusst und geebnet. So liess ich mich zu einer soliden kaufmännischen Lehre bei der Bank in der Nachbargemeinde überzeugen. Nach sehnlichst erwartetem Abschluss, angezogen vom urbanen, pulsierenden und weltoffenen Flair der Stadt, setzte ich meine berufliche Laufbahn im Wirtschaftssektor fort. Im Tätigkeitsfeld der Kunden- und Anlageberatung beim Bankverein Zürich war ich insbesondere von den vielfältigen Biografien fasziniert und erlebte die Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen als sehr bereichernd. Langsam entwickelte sich daraus meine Absicht, das Berufsfeld zu wechseln. Fehlende finanzielle Mittel führten mich dazu, einen berufsbegleitenden Weg einzuschlagen.

Neben dem breiten Fachwissen durch das berufsbegleitende Studium der Sozialpädagogik HFS (1996–2001) und der Sozialarbeit BSc (2006–2009) bot mir die sozialtherapeutische Arbeit mit suchterkrankten, oft traumatisierten Menschen (Aebi-Hus Leubringen, Stiftung Terra Vecchia Gümligen) und die Arbeit mit Jugendlichen in der Jugendpsychiatrie (UPD Bern) wichtige Berufserfahrungen an der Basis. Dank der spannenden und inspirierenden Arbeit mit geschätzten, erfahrenen BerufskollegInnen wuchs in mir immer stärker der Wunsch Psychotherapeutin zu werden. So begann ich bereits 2001 mit der berufsbegleitenden Psychotherapie an der europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit und Integrative Therapie. Den universitären Lehrgang in psychotherapeutischer Psychologie MSc schloss ich 2014 an der Donau-Universität Krems ab.

Im Juni 2006 wurde ich von der Klinik für Suchttherapie in Egliswil angestellt. Die ersten zwei Jahre hatte ich die Leitung für das Projekt «Migrationsspezifische Therapie und Bildungsangebot», welches in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit Bern (BAG) durchgeführt wurde. Seither bin ich zu 80 Prozent in der Funktion als fallführende Psychotherapeutin angestellt.

 

Arbeiten Sie als selbstständige Psychotherapeutin in freier Praxis und/oder sind Sie (allenfalls zusätzlich) als delegierte Psychotherapeutin tätig?

Im Juli 2016 habe ich vom Kanton Schwyz die Berufsausübungsbewilligung als Psychotherapeutin erhalten. Seit Anfang dieses Jahres arbeite ich einen Tag pro Woche in der Gemeinschafts­praxis am Obersee in Altendorf.

 

Gibt es noch einen weiteren Beruf, eine weitere Beschäftigung, den/die Sie zusätzlich zur Psychotherapie ausüben?

Nein.

 

Was ist Ihre Spezialisierung?

Ich bin ausgebildet in Integrativer Gestaltpsychotherapie mit Fortbildungen in Dialektisch-Behavioraler Therapie, Kunst- und Körpertherapie und Psychotraumatologie. Langjährige Körperarbeit und Selbsterfahrung ergänzen mein fachliches Wissen. Die Integrative Therapie ist eine theoretisch fundierte Methode unter Einbezug der neuesten neurobiologischen Erkenntnisse. Sie verortet sich in einer Grundhaltung der Offenheit für die Vielfalt des Lebens und vertritt ein ganzheitliches (bio-psycho-soziales) Menschenbild. Meine Art psychotherapeutisch zu arbeiten, ist, mich auf den Menschen mit Interesse, Wertschätzung und einem respektvollen Umgang einzulassen, vorhandene Ressourcen zu aktivieren und weiterzuentwickeln und persönliches Wachstum, das in der Selbstfürsorge und gesunden Beziehungen gründet, zu fördern.

Meine bisherigen beruflichen Schwerpunkte waren die Durchführung von Psychotherapien, Paar- und Familiengesprächen bei Jugendlichen/Erwachsenen mit Suchterkrankungen und komorbiden Störungen. Ich habe langjährige Erfahrung im Leiten von psychotherapeutischen Gruppen.

Ich bin spezialisiert auf die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen, Affektiven Störungen und Angsterkrankungen, Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen, Beziehungs- und Selbstwertproblemen. Gesundheitsförderung und Stressmanagement runden mein Profil ab.

 

Fühlen Sie sich mit Ihrer beruflichen Situation zufrieden?

Diese Frage ist für mich vielgestaltig. Die Arbeit mit PatientInnen/KlientInnen erlebe ich, wenn die Herstellung einer guten therapeutischen Beziehung – die im integrativen Ansatz in der Achtung, Würde und dem Respekt vor der Andersheit des Anderen begründet ist – gelingt, im positiven Sinne bewegend.

Umwälzungen im Gesundheitswesen führten in den letzten Jahren zu immer grösseren administrativen Aufwänden. Ich befürchte, diese werden mit der Einführung von TARPSY 1.0 einen weiteren Höhepunkt erreichen. Das Spektrum reicht vom Führen unbefriedigender Statistiken, dem Abarbeiten diagnostischer Instrumente und Testungen, die oft eklektischen Charakter haben und keine Zeit für ausreichende differenzialdiagnostische Diskurse lassen, bis zur progressiven Zunahme des Berichtwesens. Diese Vorgaben beengen und ärgern mich, weil die therapeutische Arbeit darunter leidet.

Gibt es etwas, das Sie sich anders wünschen?

Leider hat sich die Etablierung der Psychotherapie als eigenständige, pluridisziplinäre Wissenschaft, wie es der Massstab der Charta und ihre Gliederverbände vorgesehen hätte, im Psychologieberufegesetz (PsyG), das am 18. März 2013 in Kraft getreten ist, nicht durchgesetzt. Dank den Übergangsbestimmungen des Bundes und dem provisorisch akkreditierten Weiterbildungslehrgang der SEAG konnte ich einen eidgenössisch anerkannten Fachtitel erwerben. Mit Betroffenheit habe ich festgestellt, dass die Anerkennung meines Weiterbildungstitels auf Bundesebene, im Berufsfeld auf Vorbehalt stösst und die Anerkennung des FSP (die meines Wissens nur klinische PsychologInnen als ordentliches Mitglied aufnehmen) als das entscheidende Qualifikationsmerkmal auf dem freien Markt gilt.

Ich wünschte mir in einem (meistens multiprofessionellen) Berufskontext zu arbeiten, wo Dogmatismus und starre Systeme hinterfragt werden und Neugierde und Offenheit für die sich darbietenden Ressourcenfelder Platz machen, eine respektvolle Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfindet und eine allseitige Bereitschaft gegeben ist, Behandlungs- und Forschungsmethoden kritisch zu befragen und zugrundeliegende Behandlungs- und Erkenntniskonzepte zu reflektieren.

 

Gibt es etwas, das Sie sich von Ihrem Verband ASP wünschen?

Als neues ASP-Mitglied hätte ich mir vom Verband ASP gewünscht, dass er aktiver die Vernetzung zu den bestehenden Mitgliedern in die Hand genommen hätte, zum Beispiel im Rahmen einer persönlichen Einladung zur Mitgliederversammlung, wo die neuen Mitglieder offiziell begrüsst werden und dadurch ein Gesicht bekommen.

 

Fühlen Sie sich in Ihrem Berufsverband ASP vertreten und gewürdigt?

Ja, sehr. Wie ich dem ASP-Newsletter September 2017 entnehmen konnte, hat sich der ASP mit dem Brief an die Krankenkassen für seine Mitglieder stark gemacht. Anfang dieses Jahres, bei der Aufnahme der Selbstständigkeit, war ich persönlich mit fehlerhaften Angaben seitens einer renommierten Krankenkasse an potenzielle KlientInnen konfrontiert, was bei mir auch zu Verunsicherung geführt hat. Mit Erleichterung und grosser Freude habe ich die klare Positionierung des Verbandes zur Kenntnis genommen.

Dank verschiedener Informationskanäle des ASP konnte ich mir ein sehr gutes Bild über die aktuelle berufspolitische Situation machen.

Die Publikation Psychotherapie-Wissenschaft der Schweizer Charta für Psychotherapie bereichert mein Fachwissen mit anspruchsvoller und sehr interessanter Lektüre, da sie Themen, mit denen ich in der Praxis beschäftigt bin, unter einem psychotherapiewissenschaftlichen Fokus beleuchtet, was letztendlich einen Beitrag für einen fundierten fachlichen Diskurs bereitstellt.

 

Was wäre Ihr Fokus, wenn Sie im Vorstand der ASP wären?

Ich würde als Schwerpunkt ebenfalls eine enge Zusammenarbeit zwischen den Verbänden FSP, SBAP und ASP fördern, mit dem Ziel, einer tariflichen Gleichstellung mit den psychotherapeutischen Leistungen von Psychiaterinnen und Psychiatern. Ein gemeinsamer Auftritt ist für die Durchsetzung unserer Anliegen in politischen Gremien zwingend.

 

Gibt es ein Amt in der ASP, das Sie gerne bekleiden würden?

Nach langjährigen Studien zur Erreichung des eidgenössischen Fachtitels bin ich aufgrund meiner aktuellen zweigleisigen beruflichen Situation erneut sehr eingespannt. In diesem Zusammenhang stand für mich das Thema der sorgfältigen Prüfung der Machbarkeit einer selbstständigen Erwerbstätigkeit im Vordergrund. Ebenfalls investierte ich Zeit, mir einen guten Überblick über das politische Umfeld für PsychotherapeutInnen zu verschaffen. Die Bekleidung eines Amtes in der ASP ist für mich aktuell kein vordergründiges Thema.

 

Wie sähe Ihre Wunschsituation im gegebenen politischen Umfeld für PsychotherapeutInnen aus?

Aufgrund der geringen Vergütung aus den Zusatzversicherungen sind die Patienten der PsychotherapeutInnen diskriminierenden Regelungen gegenüber den praktizierenden PsychiaterInnen, die ihre Leistungen über die Grundversicherungen abrechnen können, ausgesetzt. Diese Ungleichbehandlung unterstützt Machtstrukturen, die insbesondere die Schwächsten in der Gesellschaft empfindlich treffen. Aus diesem Grund ist eine rasche KVG-Änderung, die das Delegationsmodell in ein Anordnungsmodell überführt, gezielt voranzutreiben.

Letztendlich wäre eine relevante Folge dieser KVG-Änderung natürlich auch die Gewährleistung einer verbesserten finanziellen und emanzipatorischen Unabhängigkeit für unseren Berufsstand.

 

Was ist Ihre Vision in Ihrem beruflichen Alltag?

Ich verorte mich im integrativen Ansatz, der unter anthropologischen und ontologischen Gesichtspunkten das menschliche Sein immer als ein Mit-Sein versteht, als ein Leibsubjekt, das als verkörpertes Selbst in soziale und kulturelle Systeme der Gemeinschaft eingebettet ist. Aus diesem Ansatz lässt sich ableiten, dass das Entwicklungsgeschehen in der Wechselwirkung zwischen inneren und äusseren Austauschprozessen, in einem intersubjektiven Kontext stattfindet. Insofern fühle ich mich Hilarion Petzold sehr verbunden, der Therapie auch als Praxis kritischer Kulturarbeit sieht. In diesem Sinne hoffe ich, dass sich unser Berufsstand auch zukünftig gezielt für einen schulenübergreifenden Dialog einsetzt, der reduktionistischen Menschenbildern, die den Menschen als Träger oder Verkörperung verschiedener Störungen sehen und die Behandelnden als Agenten oder Anwender spezifischer Behandlungen, die für die Störungen vorgesehen sind, mit wissenschaftlich fundierten Gegenargumenten begegnet.

Der Wohlstand einer Gesellschaft misst sich aus meiner Sichtweise wesentlich am Gesundheitsprofil einer Bevölkerung und einer von Solidarität gekennzeichneten Gesellschaft, die sich für eine soziale Gerechtigkeit im gesellschaftliche Zusammenleben stark macht. Des Weiteren sähe ich als Vision im beruflichen Alltag die Stärkung gesundheitspräventiver Massnahmen, um der Ausbildung chronifizierter Erkrankungen frühzeitig entgegenwirken zu können.

 

Schnellmann Eliane, Psychotherapeutische Psychologie MSc, tätig als Psychotherapeutin in der Klinik für Suchttherapie Egliswil und in der Gemeinschaftspraxis am Obersee in Altendorf; ordentliches Mitglied in der ASP seit 2. November 2016

e.schnellmann@bluewin.ch

 

Das Interview wurde von Peter Schulthess schriftlich geführt.

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