10 BER Weltkongress Durban1

Bericht

Andreas Weichselbraun, Beatrix Wimmer

Auf den Spuren der Nkisi Nkondi oder Jenseits von Afrika

Weltkongress für Psychotherapie 25.-29. August 2014

Frühe Dunkelheit senkt sich über das winterliche und dennoch warme Durban an der Ostküste Südafrikas. In der Luthuli Hall des Rathauses, benannt nach dem ersten Friedensnobelpreisträger Afrikas, Albert Luthuli, begrüßt der Bürgermeister von Durban PsychotherapeutInnen aus aller Welt zum Weltkongress für Psychotherapie. Und er mag wohl auch verwundert gewesen sein, dass sich nach seinen einladenden Worten innerhalb von Minuten ein Spektakel kollektiver Regression entfaltete, als ob sich ein aufgestautes Bedürfnis, das sonst nur KlientInnen vorbehalten zu sein scheint, sich hier kathartisch entladen musste. Wir sind ja unter uns. Die Schlangen tanzender PsychotherapeutInnen winden sich im Saal, zur Musik der politisch korrekt schwarz-weiss gemischten Band und den Songs der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Der Rausch hat bald ein Ende und am nächsten Morgen bei der offiziellen Eröffnung setzt Ernüchterung ein. Der Saal ist befremdlich leer, insgesamt sind nur knapp über 200 Delegierte zum Kongress registriert, viele davon sind selbst PräsentatorInnen. Der Versuch indigenes Publikum für den Kongress zu interessieren, wie das beim letzten Mal in Australien vor 3 Jahren sehr gelungen ist, ist in Afrika leider nicht geglückt. Wir können nur vermuten, was die Ursachen für dieses Ausbleiben waren: die sehr hohe Kongressgebühr, die Wirtschaftskrise, die nach innen gewandte Aufmerksamkeit Südafrikas in der Bewältigung des Apartheitserbes oder gar die Ebolaepidemie in Westafrika. Gekommen sind die EuropäerInnen, die AmerikanerInnen (Nord und Süd) wie auch AustralierInnen.

Und dennoch ist nicht aufzuhalten, was in Australien seinen Anfang gefunden hat: das neue Selbstverständnis, dass Psychotherapie keinen Anspruch haben kann, weiss zu sein und schon gar nicht unpolitisch. Berührend berichtet die nunmehr eingebürgerte Australierin Merle Conyer, wie sie in Südafrikas Apartheidregime aufgewachsen ist, mit einer internalisierten Angst groß geworden ist und jetzt in Australien mit Aborigines an den Folgen deren Genozides arbeitet. Von den Vereinigten Staaten ist Gloria Mulcahy-Alvernaz angereist, um uns unter dem Titel „Spirituality and Psychotherapy“ von den traumatischen Folgen der Vertreibung und Umsiedlung der Cherokee Indianer von den Great Smoky Mountains zu erzählen (Trail of Tears 1838) und wie Generationen von Indianern weiterhin unter den Nachwirkungen repressiver und missbräuchlicher Umerziehung leiden. Das Thema des kolonialen Erbes und das Fortbestehen kultureller Arroganz, sowie die daraus folgende Notwendigkeit der unabdingbaren kulturellen Sensibilität im Umgang mit unseren KlientInnen gewinnen für PsychotherapeutInnen an Präsenz und Gewicht.

Afrika findet seinen Platz und Bewunderung, wenn auch mehr durch jenseits von Afrika beheimateten VertreterInnen der Zunft. Da ist zum Beispiel der faszinierende Vortrag von David Henderson über sein persönliches Erleben eines Therapieabschlusses aus seiner Praxis, der ihm zum Vergleich der Rolle des Therapeuten mit den Nagelfetischen afrikanischer Heiler, genannt Nkisi Nkondi, anregt. Nägel, die mit dem Wunsch nach Schutz eingeschlagen werden, lehnt Henderson symbolträchtig an das psychoanalytische Übertragungsmodell an und stellt fest, dass diese Nägel als der Ausdruck jener Vorgänge angesehen werden können, die sich zwischen ihm als Therapeuten und seiner Klientin während ihres gemeinsamen psychotherapeutischen Prozesses ereignet haben.

Gideon van Dyk von der Universität Stellenbosch führt uns in die nahezu unerträgliche Realität Nord-Ugandas, berichtet von den seelischen und körperlich verunstaltenden Wunden der Kindersoldaten der Lord’s Resistance Army und davon, wie die lokalen politischen und sozialen Umstände die Behandlung erschweren oder gar verunmöglichen. Er erzählt wie ein ständiger Zustrom von immer neuen Opfern, diejenigen, die an einem Abschluss ihrer Erinnerungen arbeiten wollen, durch die Erzählungen der traumatischen Erlebnisse der Neuankömmlinge nicht zur Ruhe kommen lassen. Was aber besonders perfid ist, ist die Tatsache, dass Geld für internationale psychologische Feldstudien zur Erforschung von Traumafolgestörungen vorhanden ist, aber in dem Moment, wo die Daten erfasst sind, zieht der Tross der Forschenden wieder ab und hinterlässt ein therapeutisches Vakuum. Eine neue Form des Kolonialismus unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Fortschritts.

Die Gestalttherapie und vor allem die EAGT (European Association for Gestalt Therapy www.eagt.org) waren erfreulicherweise bei dieser Konferenz sehr gut vertreten, noch in Australien vor drei Jahren hatten wir das anders erlebt. Peter Schulthess war als ehemaliger Präsident der EAGT gleich dreimal im Einsatz. Mit Dieter Bongers aus der Schweiz präsentierte er die Arbeit des Komitees für Menschenrechte und Soziale Verantwortung innerhalb der EAGT mit dem Titel: „Yes we care! Gestalttherapy is more than a Psychotherapeutic Concept“ und verkaufte auch das Buch der Gruppe mit dem Titel „Yes we care“. Mit mehreren anderen KollegInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellte er die Ergebnisse einer naturalistischen Studie zur Wirksamkeit von Psychotherapie von 8 verschiedenen Psychotherapiemethoden vor.

Zu dritt präsentierten wir- Peter Schulthess/Schweiz, Andreas Weichselbraun/Österreich & Großbritannien und Beatrix Wimmer/Österreich die Arbeit des Komitees für Professionelle Kompetenzen und Qualitative Standards innerhalb der EAGT unter dem Motto: „South Africa as the Cradle of Gestalt Therapy- 70 Years on from Ego, Hunger and Aggression to Professional Competencies of a Gestalt Therapist.“ Wir spannten einen Bogen beginnend mit den Anfängen dieses Projekts innerhalb der EAGT und dessen berufspolitischen Implikationen. Weiter ging es über die historischen und anarchistischen Wurzeln der Gestalttherapie, die ja von den aus Nazideutschland über Holland nach Südafrika geflohenen Lore und Fritz Perls gegründet worden war und mit Paul Goodman in den 1950er Jahren eine solide anarchistische Basis erhalten hatte. Der Bogen endete mit der Vorstellung des umfangreichen Dokuments über die professionellen Kompetenzen von GestalttherapeutInnen, beispielhaft anhand eines der insgesamt 13 Bereiche, nämlich dem Bereich der Psychotherapeutischen Beziehung. Und im Anschluss daran präsentierten Jelena Zeleskov Djoric aus Serbien und Michele Cannavo aus Sizilien, beide als Mitglieder im Executive Committee der EAGT tätig, ihre vergleichende Studie zu Gestalttherapie mit Häftlingen in Gefängnissen in Serbien und Sizilien mit dem Titel: „Emerging Beauty Beyond Freedom: Co-Creating Rootedness with Gestalt Therapy Approach in Offenders“. Beeindruckend und äußerst erfreulich für mich persönlich war, wie sehr die Gestalttherapie als professionelle, wissenschaftlich fundierte Methode präsentiert wurde und sich der Psychotherapieforschung zuwendet, bereits im Mai 2014 hatte die EAGT eine gut besuchte Tagung zum Thema Psychotherapieforschung organisiert.

In der Arbeit zur Definition der methodenspezifischen professionellen Kompetenzen geht die Gestalttherapie einen großen Schritt voraus, indem sie ihre ganz individuellen Spezifikationen beschreibt.

Eine davon ist, eine wertschätzende, offene, dialogische Haltung einzunehmen und sich auf eine Begegnung mit dem Gegenüber einzulassen. Darauf wies auch eine Kongressteilnehmerin hin, eine afrikanische Psychotherapeutin, die sich auch als traditionelle Heilerin versteht, indem sie für wechselseitige Anerkennung plädierte. Nur dann wäre es möglich, auch eine professionelle Beziehung zu traditionellen HeilerInnen herzustellen und deren Unterstützung für unsere Arbeit zu gewinnen. Vermutlich wäre mit einer solch offenen Haltung der Besuch der Tagung auch für die indigenen KollegInnen attraktiver gewesen. Bleibt nur das Warten auf Paris 2017.

Autoren

Andreas Weichselbraun und Beatrix Wimmer sind österreichische Gestalttherapeuten

Korrespondenz

Dr. Andreas Weichselbraun

Sheffield Health and Social Care

Northlands Community Health Centre

Southey Hill

Sheffield S5 8BE,

United Kingdom

a.weichselbraun@btinternet.com

Mag. Beatrix Wimmer

Fluchtgasse 7/12

A-1090 Wien

beatrix.wimmer@inode.at

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