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Editorial

Peter Schulthess

Psychotherapieforschung

Mit diesem Heft werden Beiträge aus drei verschiedenen Feldern der Psychotherapieforschung präsentiert: Praxisforschung, Risikenforschung und Kompetenzforschung.

Wie Psychotherapie unter randomisierten und kontrollierten Rahmenbedingungen wirkt, darüber liegen viele Studien vor. Allerdings handelt es sich dabei um Laborstudien. Diese haben als Einschränkung, dass sie nichts darüber aussagen können, wie sich ein Therapieansatz unter gewöhnlichen Praxisbedingungen bewährt, wo man die Stichprobe nicht nach bestimmten Ein- und Ausschlusskriterien auswählt. Es herrscht nach wie vor ein grosser Mangel an Studien, welche die Wirksamkeit und Wirksamkeitsfaktoren unter naturalistischen Praxisbedingungen untersucht. Das gilt für praktisch alle Therapierichtungen, auch für jene, die eine grosse Anzahl von RCT-Laborstudien vorzuweisen haben, denn deren Resultate sind nicht übertragbar auf Therapieverläufe unter naturalistischen Praxisbedingungen.

Bei dieser Ausgangslage waren die OrganisatorInnen der PAP-S (Praxisstudie ambulante Psychotherapie – Schweiz) optimistisch, eine möglichst grosse Zahl von in der Schweiz zugelassenen Psychotherapierichtungen einbeziehen zu können. Nebst den in der Charta vertretenen Richtungen sollten auch die Verhaltenstherapie, die systemische Therapie und die personenzentrierte Psychotherapie mituntersucht werden. Leider ist das nicht gelungen. Die ausserhalb der Charta stehenden Schulen fanden das Projekt zwar interessant, bemängelten aber, nicht von Beginn weg in der Erarbeitung des Studiendesigns einbezogen gewesen zu sein, sowie die hohen Kosten zur Teilnahme (die Institutionen mussten sich an der Finanzierung der Studie entsprechend ihrer Grösse mitbeteiligen, da sie nur teilweise fremdfinanziert werden konnte). Von einer Richtung her wurde gar argumentiert, man wolle doch nicht den kleineren Schulen die Gelegenheit geben, zu zeigen, dass sie möglicherweise ebenso wirksam seien wie die etablierten, deren Wirksamkeit etwa im Rahmen der deutschen Verhältnisse anerkannt ist - das würde nur der eigenen Stellung im Anerkennungswettbewerb schaden. Sollte es noch eines Beweises bedurft haben, dass auch Psychotherapieforschung nicht nur vom Interesse an wissenschaftlichen Fragen zur Wirksamkeit und Effektivität orientiert ist, sondern auch vom finanziellen Verteilkampf beeinträchtigt wird, hier ist einer.

Dennoch: Auch wenn selbst die in der Charta gut vertretenen tiefenpsychologischen Richtungen in der Studie ebenfalls nur marginal vertreten waren, es ist doch ein spannender Datensatz zu Stande gekommen, dessen Auswertung zu relevanten Aussagen führen kann, was denn in der Psychotherapie wirklich wirkt. Für ein naturalistisches Studiendesign verfügten die Forschenden über optimale Bedingungen: Eine motivierte Praxisorganisation gab den Impuls, mit zwei externen Hochschulen eine Forschungszusammenarbeit zu finden. Doch selbst hier sind nicht alle Hindernisse, PraktikerInnen zur Teilnahme an Forschung zu bewegen, überwunden worden. Einige der mitwirkenden Schulen haben aber doch genügend Therapieverläufe einbringen können, um statistisch bedeutsame Aussagen machen zu können.

Der Beitrag von von Wyl et al. beschreibt das Design der Forschung und präsentiert Ergebnisse.

Schigl und Gahleiter präsentieren ein Forschungsprojekt zu Fehlern in der Psychotherapie. Es ist unbestritten, dass auch in Psychotherapien Fehler geschehen, teils mit fatalen Auswirkungen für die PatientInnen. Nötig ist wie in anderen Berufen eine Fehlerkultur, so dass man aus Fehlern auch lernen kann, was wiederum Rückwirkungen auf die Ausbildung haben soll. Das Forschungsprojekt der Donau Universität Krems liefert hierzu gute Vorarbeit.

Auch aus einem dritten Forschungsbereich wird berichtet. Traber fasst eine Präsentation an einer Charta-Fortbildungstagung zusammen, wo es um ein Projekt zur Kompetenzforschung der Universität Kassel ging. Die Kompetenzforschung ist noch wenig etabliert, dabei liegt da ein grosses Feld brach: Welche Kompetenzen benötigen PsychotherapeutInnen, um wirksame TherapeutInnen zu sein? Wie werden diese optimal im Rahmen der Ausbildung erworben und vermittelt? Wie kann überprüft werden, ob diese Kompetenzen am Ende einer Ausbildung auch wirklich erworben worden sind? Das sind Fragen, welche alle Ausbildungsinstitute im Interesse einer Qualitätsüberprüfung und laufenden Verbesserung der Ausbildungsqualität beschäftigen müssen.

Diese drei Forschungsfelder berühren sich und die jeweiligen Resultate werden auch die Fragestellungen und Antworten im jeweils anderen Feld befruchten.

Im Beitrag „Quo vadis Psychotherapie“ präsentieren Fischer und Barwinski Überlegungen zur Notwendigkeit und zum Aufbau eines Direktstudiums in Psychotherapie-Wissenschaft. Sie fordern eine Abkehr von der Konstruktion, dass erst ein Abschluss in Psychologie vorliegen müsse, um danach eine postgraduale Weiterbildung in Psychotherapie zu machen. Sie skizzieren, wie die Psychotherapie an den Universitäten eigenständig durch Institute für Psychotherapie im Direktstudium gelehrt werden könnte.

Zwei Buchbesprechungen runden die Texte dieses Heftes ab.

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