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Originalarbeit

Sergio Benvenuto

Freuds Annäherung an Trauer und Melancholie - und danach

Zusammenfassung: In dieser Arbeit rekonstruiert der Autor Freuds Theorie über die Melancholie, indem er die Beziehung zwischen der Melancholie und dem komplexen Freud’schen Konzept des Narzissmus betont.

Der spezifische Narzissmus der Depression wird als eine bestimmte Beziehung zum eigenen Spiegelbild beschrieben.

Während der Autor die Paradoxien des Narzissmus analysiert, legt er den Focus auf das Mysterium des Freud’schen Objekts, das nach seinem Verlust seinen Schatten auf das Ich des Subjekts wirft.

Schlüsselwörter: Freuds Theorie der Melancholie, das Freud’sche Objekt, Narzissmustheorie, Ursache und Schuld, Ich-Spaltung, Eros und Thanatos.

Abstract: In this paper, the author reconstructs Freud’s theory of melancholy stressing its relation with the complex concept of Freudian narcissism. The specific narcissism of depression is described as a certain relation to one’s mirror image. Through the paradoxes of narcissism, the author focuses on the mystery of the Freudian object, whose lack throws its shadow on the Ich of the subject.

Keywords: Freud’s theory of Melancholia , The Freudian Object , Concept of Narcissism, Causes and Guilt, Splitting of the Ego, Eros and Thanatos.

„Das Vergnügen, sich selbst schlecht zu machen, übertrifft bei Weitem dasjenige, schlecht gemacht zu werden.“
E. M. Cioran (1973)

1. Spaltung

In Trauer und Melancholie setzt Sigmund Freud (1915) zwei bemerkenswerte Syndrome, Melancholie und Manie, mit zwei “normalen”, für jedermann verständlichen Erfahrungen in Beziehung: Er schreibt die Melancholie in die Phänomenologie der Trauer ein und verknüpft die manische Erregung mit der Erfahrung des Feierns (“Freude, Jubel, Triumph”) (GW X, S. 441).

Unter Trauer versteht er unsere dysphorische Reaktion auf den Verlust von etwas, das für uns von Wert ist: Gesundheit, Geld, Erfolg, Jugend, das Heimatland, eine Geliebte, einen Freund und so weiter. Für Freud ist Trauer eine psychische Arbeit und bringt, wie jede Arbeit, etwas hervor: ihr eigenes Ende. Der Schmerz der Trauer bringt uns dazu, uns Schritt für Schritt vom verlorenen Objekt abzulösen: Es ist eines der erbarmungslosen Gesetze des Lebens, dass im Laufe der Zeit selbst unsere liebsten Verstorbenen oft vergessen werden. Melancholie ist ihrerseits die Arbeit, ein verlorenes Objekt zu eliminieren, die zu ihrem Gegenteil führen kann: zur Manie.

Warum wählen einige Subjekte die klippenreiche Straße der Melancholie statt der (angeblich) normalen der Trauer? Um das zu beantworten, führt Freud zwei Katalysatoren ein: Ambivalenz und Narzissmus.

Der zur Melancholie Prädisponierte – schreibt Freud – hegt ambivalente Gefühle dem geliebten, verlorenen Objekt gegenüber, das auch den Hass und den Groll des Subjekts auf sich gezogen hatte. Diese These wurde allerdings rasch von verschiedenen Schülern Freuds angefochten; ein Objekt zieht Ambivalenz genau deshalb auf sich, weil es verloren ist. Es gibt immer ein Element von Groll dem lieben Verstorbenen gegenüber: “Warum hast du mich verlassen?” Kurz, jede Trauer ist ambivalent. Das geliebte und enttäuschende Objekt – ob eine Person, ein Ideal oder ein Wert – wird mit Vorwürfen gegeißelt. De mortuis nihil nisi bonum– sprich nicht schlecht von den Toten. Dieses Sprichwort kompensiert die ursprüngliche Feindseligkeit der Person gegenüber, die uns verlassen hat, nur dass in der Melancholie diese Feindseligkeit sich nicht mehr gegen das verlorene Objekt richtet: Das Subjekt identifiziert sich mit diesem, weshalb es gegen das eigene Ich wütet, statt auf das verschwundene Objekt zornig zu sein. Der Speer wird zum Bumerang, der sich gegen das Ich wendet.

Wohlgemerkt: Der Melancholische wirft nicht sich selbst in den Staub, sondern sein eigenes Ich. Dieser Unterschied zwischen dem eigenen Selbst und dem Ich ist entscheidend. Der Melancholische quält das Ich, da das Ich an die Stelle des anderen getreten ist. Wir sollten ein Subjekt fragen “Gegen wen sind Sie depressiv?”

Im 17. Jahrhundert schrieb Samuel Butler (1908), “ein melancholischer Mensch ist einer, der den schlechtesten Umgang pflegt, den man sich denken kann, nämlich den mit sich selbst”. Nach Ansicht von Darian Leader (2008) würde Freud genau das Gegenteil sagen: Der Umgang, den der Melancholiker pflegt, ist tatsächlich sein verlorenes Objekt, nur dass er die ganze hasserfüllte Wut, die er auf dieses Objekt hat, auf sein eigenes Ich umlenkt: Er beschuldigt unablässig sein eigenes Ich für jede Schwäche und Niederlage. Er ist eine zentripetale Variante des Sündenbocks: Das Subjekt macht aus dem eigenen Ich ein Opfertier. Und es spielt beide komplementären Rollen in diesem Drama wie in den Les fleurs du mal von Baudelaire (1861):

Ich bin die Wange und der Streich! Je suis la plaie et le couteau!

Ich bin das Messer und die Wunde! Je suis le soufflet et la joue!

Glieder und Rad zur selben Stunde, Je suis les membres de la roue,

Opfer und Henkersknecht zugleich! Et la victime et le bourreau!

Die Melancholie legt also eine Dyskrasie1 frei, die wir in jedem menschlichen Wesen finden können: die Spaltung der Subjektivität.

Im melancholischen Syndrom greift ein Teil der Subjektivität sadistisch einen anderen Teil der Subjektivität, das Ich, an, tritt als Kläger auf. “Klagen sind Anklagen”, sagt Freud (GW X, S. 434).

Freud wird diese strenge verfolgende Kraft das ÜBER-Ich nennen.

2. Narzissmus

Was treibt den Melancholischen dazu, sein Ich anstatt das Ich des anderen zu quälen, der ihn enttäuscht hat?

Der Narzissmus.

Freud greift eine literarische Tradition auf, die es liebte, Melancholie mit dem Spiegel des Narziss zu verknüpfen. Über Jahrhunderte war der Spiegel nicht nur das Symbol weiblicher Koketterie und der Wahrheit, sondern auch der melancholischen Widerspiegelung. Der Mythos von Narziss entfaltet sich rund um eine doppelte tödliche Spiegelung: zwischen Echo, die sich nach Narziss verzehrt, und dem zitternden Bild im Wasser. Der melancholische Jacques in Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ beugt sich über einen Fluss und weint. Sogar bei Baudelaire führt mélancolie oftmals über zu dem kalten reinen Bild des Spiegels.

In seiner Beziehung zu diesem Spiel der Spiegel ist der Freud’sche Narzissmus kein klar umrissener Begriff und trägt ein abgründiges Schwanken in sich. Die Freud’sche Vorstellung von Narzissmus ist schrecklich schwindelerregend, so als ob der Begriff selbst narzisstisch wäre. Narziss ist der gut aussehende junge Mann, der sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebt und darin ertrinkt, weil er nicht mehr in der Lage ist, zu erkennen, dass „er“ nur sein eigenes Bild ist. Narzissmus ist also nicht einfach Selbst-Liebe oder Egoismus: Er ist zunächst und vor allem Liebe zu einem Bild, das nicht als Bild von einem selbst erkannt wird. Es geht also nicht um die Liebe zum eigenen Selbst, sondern um die Liebe zu einem Bild von einem Selbst, das jedoch etwas anderes ist als man selbst. Nur scheinbar zieht sich der Narzisst von der enttäuschenden äußeren Welt in sein eigenes festgefügtes Universum – sein Selbst – zurück. In Wirklichkeit verliert er sich selbst in vollkommener Entfremdung. Der Narzisst ist einer, der sein eigenes Ich eintauscht gegen „ihn-selbst“ oder „sie-selbst“. Diese Unterscheidung, die in vielen Sprachen schwierig zu fassen ist (das Englische unterscheidet nicht zufällig zwischen dem Ich und dem Selbst) ist die Grundlage der gesamten psychoanalytischen Narzissmus-Lehre.

Von hier stammt das eigentümliche Freud’sche Paradox: Je mehr wir von uns selbst fasziniert sind – je narzisstischer wir sind –, desto weniger sind wir es eigentlich. Ein gesunder, geglückter Narzissmus – sich selbst respektieren, nachsichtig und fähig zum Mitgefühl mit sich selbst sein können – ist seltsamerweise eine mindere Form des Narzissmus. Die so genannten „narzisstischen Störungen“ enthüllen dagegen seine Kehrseite: eine tiefe narzisstische Fragilität. In der Psychoanalyse ist der – unglückliche – Narzisst jemand, der unfähig ist, wirklich narzisstisch zu sein.

Der Melancholische ist narzisstisch, weil er in grandioser Weise alle Schuld und alles Böse seinem eigenen Ich anlastet. Melancholie – die Pracht des eigenen Zusammenbruchs – beschreibt die bombastische Art, in der ein Subjekt seinen eigenen Zerfall erlebt. Der Freud’sche Begriff des Narzissmus erbt damit die Ambiguität der Melancholie in der abendländischen Tradition, beginnend mit Aristoteles: Melancholie ist die Quelle einiger der furchtbarsten Formen von Verrücktheit, aber auch der erhabensten Schöpfungen. Auch heute wird Narzissmus als unverzichtbare Selbstliebe betrachtet, die erlaubt, uns selbst zu verzeihen, aber auch als Wurzel der verheerendsten Psychosen.

Die andere, euphorische Seite des Narzissmus ist die Manie. Manische Subjekte leben in einem kontinuierlichen Zustand gebieterischen Triumphes, in dem ihr Ich in einer Invasion in die Welt überfließt. Aber was feiern sie? Die Befreiung vom verlorenen (und deshalb gehassten) Objekt, das einen Schatten auf ihr Ich geworfen hat. Nun sind sie frei, das Objekt versperrt ihnen nicht länger den Weg zum Handeln.

Natürlich sollten wir nicht Trauer und Fest einander gegenüberstellen, weil in vielen Kulturen Trauer auch eine Feier ist. Man muss nur an ein Trauerritual wie den irischen wake denken2. Doch diese Ambiguität, die das Trauern umgibt – die einige psychologische Bremsen löst, einen Genuss gestattet, den wir uns für gewöhnlich nicht erlauben –, ist sogar in sehr persönlichen Erfahrungen offensichtlich. Für viele ist Tränen zu vergießen eine Erfahrung, die mit Genuss verbunden ist: beides hat exzessiven Charakter. Und öfter, als man erwarten würde, mag eine Frau einem Mann, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat, einen One-night-stand anbieten, um ihn zu trösten. Sexueller Genuss kompensiert nicht nur den Schmerz des Verlustes, sondern scheint sogar der Trauer insofern gemäß, als er ihren „off limits“-Charakter unterstreicht, ihre Transgression normaler Empfindungen. Diese Ambiguität beinhaltet tatsächlich die Doppelseitigkeit von Manie und Melancholie: Vielleicht lauert Trauer hinter jedem manischen Zustand, und jede Trauer hat auch ein euphorisches Gesicht.

3. Der Schatten auf dem Spiegel

Ich bin der Spiegel, drin ihr Bild Je suis le sinistre miroir

die Furien und Megären schauen! ou la mégère se regarde!

(Ch. Baudelaire, “Héautontimorouménos”)

Welche Art von Beziehung wird zwischen dem Objekt auf der einen Seite – odiosamato – , hasserfüllt geliebt, aber enttäuschend, und dem Ich andererseits hergestellt, welches melancholisch an seine Stelle tritt? Nach Ansicht verschiedener späterer psychoanalytischer Schulen – insbesondere der englischen Schule von Melanie Klein – introjiziert der Melancholische das böse Objekt in sich selbst hinein (d.h.: in den eigenen psychischen Körper). Dadurch wird die melancholische Selbstgeißelung zur Verfolgung, die von diesem internalisierten bösen Objekt ausgeht.

Aber Freuds Theorie ist weniger drastisch. Bei Freud fällt in der Melancholie der Schatten des Objekts auf das Ich. Das Objekt, das der Melancholische angreift, ist daher nicht der „böse“ Teil des anderen, den er in sich selbst aufnimmt: Es ist ein Schatten, der das Ich verdunkelt. Der Melancholische verfolgt nicht das Objekt, sondern seinen Schatten.

Freud führt genauer aus, dass „er“ (der Melancholische) oft „zwar weiß wen, aber nicht, was er an ihm verloren hat” (GW X, S.431). Zum Beispiel wird er sagen, dass für ihn das Leben keine Bedeutung mehr hat, weil er nicht mehr mit Ulrike zusammen ist; aber er kann nicht sagen, was an Ulrike derart wichtig war, dass nun, da er sie verloren hat, das Leben jeden Wert für ihn verliert. Freud spricht nicht explizit über das „was“, die „Sache“, die in der schweren Depression verloren gegangen ist (möglicherweise, weil es unmöglich in Worte zu fassen ist).Es scheint etwas zu tun zu haben mit dem narzisstischen Wert des „wer“ immer da verloren worden ist. Die schöne Ulrike zu verlieren, zerstört ihn, weil sie in gewisser Weise das Bild war, das seinem Ich Bedeutung verliehen hat. Mit anderen Worten, damit Trauer in Melancholie übergeht, muss man nicht nur etwas von Wert verlieren, sondern den Wert selbst. Das ist das wirkliche Objekt, das der Melancholische verliert. Kurz gesagt: Das Selbst ist für den Narzissten nur von Wert in Beziehung zu einem Wert-Objekt, und sobald dieser Wert ins Wanken gerät, verliert das Subjekt als Ganzes an Wert, wird zu nicht viel mehr als Abfall, den man loswerden muss.

In einem Bild von Arnold Böcklin, das den Titel Melancholie trägt, ist die Melancholie eine Frau in Trauerkleidung, die in einen Spiegel schaut, der vor ihr steht. Aber dieser Spiegel ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt. Man sagt, der Melancholische sehe alles schwarz: Aber die Dunkelheit, in die sie schaut, ist das fehlende Objekt, zu dem sie selbst schließlich geworden ist. Sie denunziert sich selbst als das schwarze Loch, in das sie blind starrt. Cioran schrieb, dass Spiegel ein wenig reflektieren sollten, bevor sie zu reflektieren/spiegeln beginnen –, und wirklich, in der Melancholie reflektiert der reflektierende Spiegel nicht mehr.

Das führt dazu, dass der Melancholische den anderen in seinem eigenen Ich nicht zu sehen vermag: Als ein unwissentlicher Kläger weiß er nicht, dass das Selbst, das ihm im Wege steht, in Wirklichkeit der andere ist. Er meint, sich selbst zu sehen, sieht aber stattdessen den Schatten des anderen. Eine dialektische Beziehung zwischen Spiegel und Schatten ist hier umrissen.

4. Narzissmus als Hindernis

Wenn wir über Narzissmus sprechen, denken wir tatsächlich über Spiegel und Spiegelungen/Reflexionen nach. Und wirklich, als Freud diesen Begriff einführte (Freud 1914a), zentrierte er ihn um das Bild des Hindernisses. Zuerst und vor allem ist der Narzissmus ein Hindernis für analytische Behandlungen. Der Narzisst ist das Subjekt, das die Analyse nicht oder nur mit Schwierigkeiten erreichen kann: Er ist zu beschäftigt mit sich selbst, um berührt zu werden von dem, was der Andere sagt, sei dieser andere ein Analytiker oder ein Freund. Narzissmus taucht zuerst in den Schwierigkeiten psychoanalytischer Arbeit mit Neurotikern auf, “denn es schien, als ob ein solches narzisstisches Verhalten derselben eine der Grenzen ihrer Beeinflussbarkeit herstellte” (GW X, S.138). Dies trifft sogar zu, wenn, wie wir gesehen haben, Narzissmus eine unverzichtbare Dimension aller menschlicher Wesen ist.

Nun ist der Narzissmus nur ein Hindernis oder eine Grenze in dem Maß, als er auf Widerspiegelung ausgerichtet ist. Narziss verliebt sich in sein eigenes Bild, weil sein Trieb den anderen nicht erreicht; sein einziges Objekt ist sein eigenes Bild. Und das Subjekt kann leicht die imaginäre Spiegelung seiner selbst für ein anderes Objekt halten, weil eine Oberfläche es zurückwirft. Es ist, als ob ein Spiegel wie eine Leinwand (screen) wirkte, mit aller Doppeldeutigkeit, die das Wort enthält: Einerseits ist sie ein Schirm oder eine Schutzblende, die unsere Augen vor einer Lichtquelle schützt, aber sie ist auch eine Oberfläche wie der Fernsehbildschirm oder die Kinoleinwand, die Bilder zurückwirft. Im Narzissmus lässt eine Oberfläche, die wie eine Projektionsfläche wirkt, den Trieb nicht zum Objekt durchdringen und sendet gleichzeitig das Bild des Subjekts an das Subjekt zurück: eine Oberfläche, die blockiert und spiegelt.

Wir können uns ein Subjekt vorstellen, das begehrende Lichtstrahlen aussendet. Lassen Sie uns auch vorstellen, dass da ein Schirm zwischen der Lichtquelle und dem Objekt ist, das diese Strahlen treffen sollen, und dass dieser sie aufhält. Der Schirm selbst bleibt als Objekt im Schatten, aber er reflektiert die Lichtquelle selbst, die verschiedenen Strahlen, die Ich (das Subjekt, die Lichtquelle) wird sehen und bewundern können. Die Schirm-Barriere wird wegen des Bildes, das der Bild-Schirm zurückwirft, nicht wahrgenommen. Alle „Selbst-Erkenntnis“ ist narzisstisch. (Ist jede „psychologische Sicht“ narzisstisch?)

Doch das Objekt, das auf diese Weise im Schatten bleibt, weil die Oberfläche reflektiert, bleibt weiterhin im Bild: Wenn es abwesend ist, projiziert es seinen Schatten – oder besser den Schatten seiner Abwesenheit – auf den reflektierenden Schirm. Der Bildschirm selbst projiziert sich auf die Bilder, die auf ihm reflektiert werden, wie bei einer Sonnenfinsternis, wenn der Mond, den wir nicht sehen können, die Sonne verdunkelt. Das Subjekt sieht sein eigenes helles reflektiertes Bild nicht mehr, sondern sieht sich selbst als dunklen Fleck.

Darum zeigt Freud, indem er den reflektierenden Spiegel und das frustrierende Hindernis eng verbindet, dass unser reflektiertes Bild nicht nur unser großartigstes und bewegendstes Liebesobjekt ist –, es ist zugleich unser unnachgiebigstes Hindernis. Wir werden selbst das tödlichste Hindernis für die Freude in uns. Narzissmus ist einerseits unsere Freude an unserem eigenen glänzenden Bild, andererseits bedeutet er, unser eigenes Ich als Balken im Auge der Lust zu erleiden; er ist ein Schirm, der nicht zulässt, dass menschliches Begehren – was Freud Libido nennt – Befriedigung findet, indem es andere menschliche Wesen besetzt.

Eine rätselhafte Eigenschaft der Depression ist es, dass das Schlimmste am Morgen kommt, um die Zeit des Erwachens, während gegen Abend die Depression dazu neigt, abzuklingen. Viele Hypothesen sind zur Erklärung vorgeschlagen worden. Der springende Punkt ist, dass Subjekte, die sich von der Depression erholt haben, am Morgen ihr Bestes geben, wenn sie sich besonders wach und tatkräftig fühlen. Es ist, als ob sich in der Depression alle psychische Energie gegen das Subjekt wenden würde: Je stärker und heftiger die Libido ist, desto stärker wirkt das Ich als Hindernis dagegen, so dass das Subjekt sein Verlangen zu leben als Hemmnis und Last durchlebt. Depressive geben ihr Bestes gegen sich selbst. Aber eins ist sicher: Es braucht große Vitalität, um schwer depressiv zu werden.

Der Melancholische macht also in seiner transitiven Beziehung mit dem eigenen Ich eine intransitive Dimension des Begehrens deutlich: Das Objekt ist nicht etwas, das vom Begehren besetzt wird, sondern eher wie eine hindernde Mauer, die das Begehren schmerzlich ‚im Leerlauf’ zurücklässt. Was das intransitive Begehren betrifft, so macht der Melancholische keine Kompromisse mit sich selbst und er gibt nicht zu, dass sein Hass sich auf jene richtet, die er vermisst.

Aber woraus besteht dieses Hindernis, das jeder Spiegel darstellt? Was ist die Konsistenz dieser inkonsistenten, aber beharrlich insistierenden Spiegelung?

Das Hindernis ist der Objektverlust. Dieser Verlust kann zu einer glatten Oberfläche werden, die mit der Reinheit der Leere zusammenfallen kann. Diese Leere, die das Objekt als Loch signalisiert, übernimmt die unheimlichen, reflexiven Aspekte des Spiegels. Das Loch, welches das Freud’sche Objekt repräsentiert, dem es nicht gelang, mit dem Trieb zusammenzutreffen, wird zu einem reflektierenden Spiegel. Der Verlust des Geliebten lässt uns auf alle erdenkliche Art reflektieren (to reflect: nachdenken, spiegeln, zurückwerfen), so dass wir Gefahr laufen, uns in unser eigenes Spiegelbild zu verlieben.

Aber wenn die Begegnung mit unserem Defizit als reflektierendem Spiegel unvermeidlich in allen Situationen von Enttäuschung erfolgt, was ist so Besonderes an der narzisstischen Spiegelreflexion? Der springende Punkt ist, dass der Freud’sche Narzissmus nicht so sehr Liebe zum eigenen Spiegelbild ist – Liebe zum eigenen Ich als Ideal –, sondern Liebe zum Spiegel selbst. Wie D.W. Winnicott (1971, S.132) sagte: Wenn das Gesicht der Mutter unempfänglich ist, „dann wird ein Spiegel zu einem Ding, das man anschaut, in das man aber nicht hineinschauen kann. “Was den narzisstischen Menschen von jenem Narzissmus unterscheidet, der sich in allen menschlichen Wesen findet, ist diese Tendenz, in die Reflexivität verstrickt zu werden – mit anderen Worten: diese Unfähigkeit, andere transitiv zu lieben. Da die narzisstische Libido nicht ausgebreitet wird in die Welt – die uns interessiert, die wir lieben und an der uns gelegen ist –, wendet sich dieses Begehren in seiner Essentialität zurück auf den Melancholiker: Das unglückliche Subjekt kollidiert, durch das narzisstische Spiegel-Hindernis, mit dem Begehren selbst und begreift es in seiner radikalen Wahrheit als Schmerz.

5. Moral ist melancholisch

Freuds Denken hätte nicht so viel Erfolg gehabt, hätte es sich lediglich um eine Theorie psychischer Störungen gehandelt. Indem er das Pathologische analysierte, zielte Freud darauf ab, das Pathos bloßzulegen, aus dem wir alle bestehen. So wird die Theorie der Melancholie zum Schlüssel, um unser moralisches Bewusstsein zu erklären: die Tatsache, dass es der Andere in uns ist (nicht einfach irgendein anderer, sondern der Andere: Vater, Gesetz, Moral, Gott...), der über uns urteilt und uns beurteilt.

Wir sollten nie vergessen, dass bei Freud das Psychische immer mit dem Außer-Psychischen getränkt ist, das Subjekt ist niemals rein. Freud sagt, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, und damit verleiht er Rimbauds Verdikt Je est un Autre Körper. Tatsächlich ist das Haus des Ichs immer besetzt vom Nicht-Ich. Ein Teil ist das Über-Ich, der andere ist das Es. Es ist „das Fleisch“ – wie die Theologen es nannten – als sinnliches Begehren; und dieses Fleisch ist im Haus des Ichs vertreten durch Phantasien, Gefühle und Gedanken, die alle unpassend sind, weil Es ein aufdringlicher Fremder bleibt, ein unwillkommener Gast des Ichs. Ich ist deshalb nur angeblich sein eigener Chef: Es wird notwendigerweise durchkreuzt von einem Über-Ich, das es kontrolliert, und vom Es, das beständig überfließt und Ichs Haus schmutzig macht. Ich bin immer gleichzeitig von beiden bedingt – vom Gewissen jenseits meines Bewusstseins und von der ungebärdigen Unbewusstheit des Fleisches.

Zum Glück kommandiert uns das Über-Ich nicht immer in unserem Haus herum, nicht jeder ist depressiv. Unsere Selbstachtung ist der Beweis dafür, dass das Über-Ich uns, wenigstens zeitweise, verschont. Wenn wir unserem Ich-Ideal gerecht werden, ruht das Über-Ich. Der Melancholische hingegen verliert seine Selbstachtung: Sein Über-Ich, der mitleidlose padre padrone, wütet in seinem eigenen Haus und zwingt ihn zu Boden.

Aber warum wird der Melancholische vom eigenen Ideal verfolgt? Vielleicht ist das melancholische Subjekt auf sein eigenes Ideal neidisch? Es könnte sein, dass dieses Ideal, das ihm eigentümlich ist, sich aber irgendwie unpassend anfühlt, ihn überschattet. Und weil er vom eigenen Ideal verdunkelt wird, kommt er schließlich dazu, sich selbst als Bildschirm und Hindernis für sein eigenes Ideal zu empfinden.

Von daher stammt der weitschweifige Grundtenor der Klagen des Melancholischen. Freud sagt: Warum will der Melancholische nicht aufhören, sich selbst dermaßen ausufernd schlecht zu machen? Warum bringt ihn nicht die Scham zum Schweigen? Warum dieses ungenierte Schuldgefühl? Ganz einfach: weil das Klagen ihm Befriedigung bereitet. - Aber wem? Wer ist der Melancholische schlussendlich? Das Ich, das für seine moralischen Sünden leidet, oder das sklaventreiberische Über-Ich, das Befriedigung daraus zieht, ihn zu misshandeln? Für Freud impliziert jedes subjektive Leiden den Genuss des Anderen. Indem das Subjekt leidet, bezieht es Befriedigung woanders her.

Wenn man etwas hasst, weist man es zurück, man spuckt es aus, wie Freud in Die Verneinung (Freud 1925,GW XIV, S.12) schreibt. Da das Ich des Melancholischen mit dem gehassten verlorenen Objekt identifiziert ist, will er sich selbst als Objekt erbrechen (der Begriff kommt von ob-jectum: das Weggeworfene). Das ist die Oralität des Melancholischen: Einerseits hat er – ein psychischer Kannibale– den anderen „verschluckt“, indem er ihn (in sich) inkorporiert hat (aber schlussendlich wird er selbst zum enttäuschenden anderen, nicht umgekehrt), andererseits erbricht er sich selbst als jenen schlechten anderen, von dem er sich zu befreien sucht. Daher stammt die Versuchung, sich selbst auszulöschen, sich zu töten – genau dann, wenn die Depression abzunehmen beginnt, wenn die ausgedörrte Verzweiflung im Begriff ist, sich in der Erleichterung durch Tränen aufzulösen. Das Ich erscheint dem Melancholischen als ein unerbittliches Hindernis für sein wahres Sein, es ist die Schranke, die ihn davon abhält, das Leben zu genießen (das sadistische Über-Ich genießt gewiss, aber nicht das Ich!). Selbstmord ist anziehend für den Depressiven als eine Form der Befreiung: die eigene Körper-Psyche zu eliminieren, um den Triumph der Lust zu ermöglichen, auch wenn dann kein Subjekt mehr da ist, um diese Lust zu genießen.

6. Eros und Thanatos

In seiner Arbeit Jenseits des Lustprinzips (Freud 1920) sagt Freud, dass unsere verschiedenen Triebe in zwei fundamentale Triebe zusammengefasst werden können: Eros und Thanatos. Eros ist der seltsame Trieb, der uns zu den anderen drängt, dazu, uns mit Dingen und mit unseren Mitmenschen zu verbinden, auch um den Preis, dass uns das in viele Schwierigkeiten stürzt. Thanatos jedoch ist der träge Trieb, der uns zur Ruhe drängt, zu gelassenem Rückzug und endgültiger Befriedigung, dem Frieden der Sinne – mit anderen Worten – zum Tod.

Diese Unterscheidung zwischen den Trieben zum Leben und zum Tod ist sehr komplex, weil Eros und Thanatos einander immer gegenseitig voraussetzen. Ihre Verknotung ist unlogisch. Liebe wird exzessiv und lässt dahinter den Tod aufscheinen, und der Tod magnetisiert immer den Lebensdrang. Wie Ricoeur (1970, S. 292) schrieb, “In gewissem Sinne ist alles Tod, da die Selbsterhaltung der gewundene Pfad ist, auf dem jede lebende Substanz ihrem eigenen Tod nachgeht; in einem anderen Sinn ist alles Leben, weil der Narzissmus selbst eine Form des Eros ist […]. Dieser Dualismus [zwischen Eros und Thanatos] bringt vielmehr die wechselseitige Überlagerung zweier Königreiche zum Ausdruck, die einander vollkommen überdecken”. Es handelt sich um verbundene, verwickelte, nicht-lineare Kategorien. Wir können vereinfachend sagen, dass der Todestrieb uns in Richtung Befriedigung und Lust vorantreibt – er strebt zum Nirwana, wie Schopenhauer sagte. Der Todestrieb treibt uns zum Ende des Begehrens, zum Ende des Schmerzes, der mit dem Leben einhergeht. Eros ist jedoch ein bizarrer gewundener Pfad weg vom Ziel Lust-Tod, er ist eine Zeitverschwendung im Sich-Kümmern um andere, im Hervorbringen neuer Triebe, neuer Verbindungen und neuen Leids. Eros ist ein Hinauszögern des Todes, weil wir vom Lebendigen abgelenkt sind; er ist eine Suche nach einem Grund, für den es sich lohnt zu leben und – vielleicht – zu sterben. Unser ungeduldiger Drang nach Glück ist in Wirklichkeit, so Freud, eine Sehnsucht zu sterben. Aber Eros verlängert unsere todbringende Reise dank einer besonderen Panne: der Liebe.

Der Todestrieb wird oft mit Destruktivität gleichgesetzt. Eigentlich drückt sich Thanatos aus in der Zerstörung anderer, aber Freud hält dies immer noch für eine Form von „Altruismus“ und daher für erotisch: Die radikale, fundamentale Zerstörung ist die von sich selbst als lebendem Wesen. Er nennt das „primären Masochismus“. Und das ist so, weil das lebende Ich– wie wir in der Melancholie gesehen haben – das zäheste Hindernis auf dem Weg zum Nirwana ist. Grundsätzlich ist der Todestrieb eine destruktive Ungeduld, Lust zu genießen. Auf diese Weise setzt der Melancholische, der bis an den Rand des Selbstmords geht und gelegentlich darüber hinaus, den fundamentalen destruktiven Trieb gegen sich selbst in Gang: Aber er tut dies gerade, weil er immer begehrt. Der Melancholische leidet so, weil er vergebens begehrt.

Die antiken Stoiker schlugen eine perfektes Rezept vor, um Leiden zu verhindern: Hör auf, irgendetwas zu begehren, und nimm dein Schicksal an, was immer es sei. Der Melancholische folgt diesem Rezept nicht: Er begehrt weiter. Eros stimuliert und bezaubert ihn weiterhin, aber sein eigenes Ichblockiert die Befriedigung, es stellt sich ihr entgegen. Der Melancholische, ein Tatmensch im Begehren, kann die Befriedigung nicht erwarten und stürzt so in den Abgrund. Derselbe Eros, der ihn motiviert, verwandelt den Melancholischen so in einen Soldaten des Thanatos. In ihm bezieht sicherlich das Über-Ich Befriedigung aus der Demontage des Ichs, aber diese Strategie erweist sich als selbstdestruktiv. Wie schon Schopenhauer sagte, Suizid ist nicht Abkehr vom Willen, sondern vielmehr die Unterwerfung unter einen rücksichtslosen Willen.

7. Der Zynismus des Glücks

Die Depression ist also der Preis, den wir für eine Flucht in Richtung Glück bezahlen. Aber heute, nach Freud, glauben wir, dass diese Flucht nicht auf jene beschränkt ist, die der Melancholie zum Opfer fallen: Sie gilt in der modernen Welt für uns alle. Wir sprechen heute unablässig über Depression und Narzissmus, weil wir spüren, dass in diesen Winkeln von Reflexion oder Schmerz eine kostbare Wahrheit über unseren Lebensstil verborgen ist. Für viele Denker – wie Christopher Lasch (1979) –ist unsere Zivilisation in ihrer ganzen Verfasstheit narzisstisch. Das bedeutet, dass sich unsere Vorstellungen von idealen Zuständen verglichen mit früher verändert haben.

Unser verbreitetes Ideal ist heute nihilistisch. Freud sagte, dass der Mensch von einem – zugleich biologischen und ethischen –Gesetz regiert wird, das Lustprinzip genannt wird. Wenn wir den anderen begehren, sind wir in Eros; wenn dieses Begehren in der Lust ausgelöscht wird, sind wir in Thanatos. Heute haben wir das Lustprinzip zu unserem modernen narzisstischen Ideal gemacht. Die Kraft, begehren und genießen zu können, ist unser Ideal. Wir wollen, zuerst und vor allem anderen, begehren.

Aber für den Menschen ist Lust (Begierde, Gier, Wollust) das einzige Ideal, das bleibt, wenn das Leben den Sinn verloren und er alle anderen Ideale aufgegeben hat. Lust ist das Ideal des Nihilisten. Und ist unsere Gesellschaft nicht aggressiv nihilistisch? Leben wir nicht in einer Zivilisation, in der große Ideale nicht mehr idealisierbar sind?

Die Depression beweist, dass Lust keinen Sinn stiften kann, dass sie das Leben nicht beleben kann. Die Melancholie beweist, dass LUST, als Ideal oder Prinzip, das tödlichste Hindernis für die Lust werden kann, außer wenn Lustgewinn zum Lebensideal wird, wie es das für die Libertin-Helden einiger Romane des 18. Jahrhunderts war. In der Tat lässt sich Don Juan - ein Märtyrer der LUST - lieber vom Steinernen Gast in die Hölle zerren, als dass er bereuen würde.

Aber die depressive Drohung magnetisiert das moderne Denken, weil unser Lebensstil in Melancholie und Narzissmus die Widerspiegelung und die Kehrseite des eigenen Nihilismus hineinliest: die Schwierigkeit, den Untergang aller Werte, sogar des LUSTPRINZIPS, zum letzten und radikalsten Wert zu erheben.

8. Ursachen und Schuld

Wie situieren wir die Freud’sche Sicht der Verzweiflung in Bezug auf andere frühere, zeitgenössische oder spätere Ansätze? Heute hält niemand die Psychoanalyse für eine Wissenschaft, aus dem einfachen Grund, weil ihre Hypothesen nicht durch die Verwendung wissenschaftlicher Protokollformen kontrolliert werden können. Aber viele psychoanalytische Theorien verführen uns trotzdem: Sie sind überzeugend, indem sie einer Zeit, in der Wissenschaft und Technik mehr und mehr dominant sind, vollkommen angemessen scheinen.

Deshalb ist die Psychoanalyse, obwohl keine Wissenschaft, überzeugend für Männer und Frauen unseres wissenschaftsdominierten Zeitalters. Tatsächlich scheint Freud nach einem dritten Weg zu suchen zwischen einer positiven wissenschaftlichen Sichtweise einerseits und einer negativen spiritualistischen andererseits. Unsere Zivilisation wirkt tatsächlich gespalten zwischen einer Kultur, die nur an Ursachen interessiert ist (von denen die meisten konkrete und materielle Ursachen sind) und einer, die stattdessen die Dimension von Sinn und Bedeutung betont. Daher herrscht in der Psychiatrie der biologistische Zugang vor, der auf die hirnphysiologischen Ursachen der Depression setzt; andererseits hält sich ein phänomenologischer oder existentieller Zugang, der versucht, sogar die schwersten Depressionen verstehbar zu machen und Erklärungen und Bedeutungen zu entdecken. Die Psychoanalyse versucht dagegen, in einem unbekannten prekären Raum zwischen wissenschaftlicher Kausalität und phänomenologischer Bedeutung zu segeln. Auf diesem Hochseil prüft die Psychoanalyse kausale Erklärungen, während sie zugleich den humanistischen Hunger nach Bedeutung zu befriedigen sucht. Die Psychoanalyse versucht die Quadratur des Zirkels an der Lücke zwischen Ursache und Sinn dank ihrer „konfliktorientierten“ Vision: Jedes Subjekt ist ein Schlachtfeld von Konflikten zwischen Ich, Über-Ich und Es, zwischen Eros und Thanatos sowie zwischen widersprüchlichen und flüchtigen Impulsen. Nun lässt jede Schlacht, genau weil ihr Ausgang ungewiss ist, Raum für die marginale Freiheit des Willens, für die Freiheit zu Entscheidungen und zur Begeisterung. Auf einem Schlachtfeld – und das sind wir nach Freud – werden Ursachen und Bedeutungen unauflöslich miteinander verknüpft. Die Psychoanalyse bleibt dem Grundsatz treu, dass die Dinge wirklich zu erklären auch bedeutet, ihre Ursachen zu finden, aber zugleich erlaubt sie zu hoffen, dass es eine gute Sache ist, sich und andere irgendwie zu verstehen.

Im Fall der Melancholie bestand Freuds tour de force darin, sie auf eine Art zu beschreiben, die von der Unmöglichkeit ausgeht, Ursache und Schuld zu trennen–, das heißt, wir sind depressiv, weil wir einen Verlust erlitten haben (Ursache), aber auch, weil wir narzisstisch, mit anderen Worten, auch in einer Weise schuldig sind (Sinn, Bedeutung). Melancholie wird verursacht durch einen Verlust, der uns zustößt, aber sie enthüllt auch unsere narzisstische Eitelkeit. Für die alten Griechen waren Ursache und Schuld ein und dasselbe: aition. Aus ihrer Sicht bedeutete ‚etwas zu verursachen’, an dieser Veränderung schuld zu sein. Freud scheint zu den Denkern der Antike zurückzukehren, die keine strenge Unterscheidung trafen zwischen der mechanischen Welt konkreter Dinge und der geistigen Welt des freien Willens. Nicht in dem Sinne, dass wir in mancher Hinsicht schuldig sind und unschuldig in anderer: Für Freud sind Schuld und Unschuld in eine Endlosschlaufe eingebunden, die beide relativiert. Wir sind gleichzeitig Opfer und Verfolger. Die Psychoanalyse spricht einerseits frei („du leidest wegen eines frühen Traumas, deine Mutter war nicht gut genug mit dir, dein Vater war pervers“ etc.) und klagt auf der anderen Seite an („du leidest, weil du narzisstisch bist, weil du in der Vergangenheit feststeckst, du musst dich stattdessen dem Eros öffnen“). Aber Ursache und Schuld sind nicht zwei Hälften desselben Kuchens, die in der Praxis getrennt werden könnten: Die Psychoanalyse sagt, dass Ursache und Schuld dasselbe sind, d.h. verschiedene Betrachtungsweisen für dieselbe Frage oder besser: zwei Momente derselben Sache. Jede Psychopathologie ist, in gewisser Weise, erlitten und gewählt zugleich; sie ist ein Schatten, von dem wir uns befreien müssen, aber auch die Strafe für eine unwissentliche Feigheit, die uns verfolgt. Psychoanalytische Theorie strebt deshalb danach, das richtige Timing zu finden: Ursachen aufzuzeigen oder Bedeutungen zu entziffern je nach Notwendigkeit. Es ist eine Frage des kairos, des richtigen oder günstigen Moments, eine Praxis, die den flüchtigen Moment zu erfassen sucht.

Autor

Sergio Benvenuto, Philosoph und Psychoanalytiker, ist Forscher am National Research Council (CNR) in Rom, Italien. Er ist der Präsident des Institute for Advanced Studies in Psychoanalysis, Italian Section of the Institut des Hautes Etudes en Psychanalyse. Er ist Gründer und jetzt Mitherausgeber des JEP. European Journal of Psychoanalysis (www.psychomedia.it/jep). Er ist Mitarbeiter verschiedener kultureller Zeitschriften wie Telos, Lettre Internationale, (German, French, Spanish, Hungarian and Italian editions), Texte, RISS, Journal for Lacanian Studies, L’évolution psychiatrique.
Er übersetzte ins Italienische Jacques Lacan’s Séminaire XX: Encore. Seine Bücher: Dicerie e pettegolezzi (Bologna: Il Mulino, 1999); Un cannibale alla nostra mensa (Bari: Dedalo, 2000); Perversioni. Sessualità, etica, psicoanalisi (Turin: Bollati Boringhieri, 2005); German ed. Perversionen. Sexualität, Ethik und Psychoanalyse (Wien: Turia + Kant, 2009); Mechta Lakana, in Russian (Sankt-Petersburg: «Aleteija», 2006); Accidia. La passione dell’indifferenza (Bologna: Il Mulino, 2008); mit A. Molino, In Freud’s Tracks (New York: Aronson, 2008) [benvenuto.jep@mclink.it; http://www.istc.cnr.it]

Korrespondenz

Sergio Benvenuto, Via Dandolo 24, I-00153 Roma

E-mail: JEP@mclink.it

Literatur

Baudelaire, C. (1861) “Heautontimoroumenos”, LXXXIII.

Butler, S. (1909) The Collected Works of Samuel Butler, A.R. Waller, editor, vol. 2, Characters and Passages from Note Books, Cambridge, Cambridge English Classics.

Cioran, E.M. (1973) De l’inconvénient d’être né (Paris: Gallimard).

Freud, S.:

(1914a) Zur Einführung des Narzissmus, GW X,S. 137-170.

(1914b) Trauer und Melancholie, GW X, S. 427-446.

(1925) Die Verneinung, GW XIV, S. 11-15.

Lasch, C. (1979) The Culture of Narcissism (New York: Warner Books).

Leader, D. (2008) The New Black. Mourning, Melancholia and Depression (London: Hamisch Hamilton).

Ricoeur, P. (1970) De l’interprétation. Essai sur Freud (Paris: Editions du Seuil).

Winnicott, D.W. (1971) Playing and Reality (London: Pelican).

1 Begriff aus der antiken Säftelehre (Krasis), der eine fehlerhafte Zusammensetzung der Säfte bezeichnet, die nach dieser Auffassung Krankheiten verursachte.

2 Der irische wake ist eine party-ähnliche Zusammenkunft von Verwandten und Freunden im Hause des Verstorbenen mit Essen, Trinken und Gesprächen.

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