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Rezension

Ulrich Sollmann

Theodor Itten, Ron Roberts: The New Politics of Experience and the Bitter Herbs

2014, Monmouth, PCCS Books. 281 Seiten, € 26,50

Ein wirklich gelungener Brückenschlag! Die beiden Autoren Itten und Roberts greifen fünfzig Jahre nach Erscheinen des Buches „Phänomenologie der Erfahrung“ Laings Studie über Formen und Mystifikationen menschlicher Erfahrung auf und beleuchten die wesentlichen Aussagen, indem sie sie auf die heutige Zeit anwenden.

Das Buch „The New Politics of Experience and the Bitter Herbs“ spiegelt das angemessene und profunde Wissen der beiden Autoren. Mich hat besonders fasziniert, aber auch immer wieder zum Schmunzeln gebracht, wie die beiden Autoren ihr Wissen, ihre Selbstoffenbarung und ihren persönlichen Humor mit ihrer mehr als dreißigjährigen beruflichen Erfahrung und Expertise verknüpft haben. Immer mit der nötigen Portion von Nostalgie und Insider-Anekdoten.

Der Brückenschlag zu Laings Buch stellt überzeugend persönliche Ergebenheit und fachliche Loyalität der Autoren Laing und dessen Ausführungen gegenüber. Die Autoren erklären wesentliche Positionen und Aussagen Laings. Nicht nur das. Sie „verteidigen“ ihn auch gegen abwertende Zuschreibungen (diese echauffierten sich über Laings Trinkverhalten, seine latente Depression, die oftmals sehr persönliche Verknüpfung von Eigenwilligkeit und Charisma, Intuition und Menschlichkeit).

Itten und Roberts nutzen auch die Bezugnahme auf Laings zentrale Überzeugungen um ihre Kritik am neoliberalen Geist heutiger Psychotherapie und Psychotherapie-Wissenschaft zu bekräftigen.

Die beiden Autoren beschreiben und entlarven die Situation der Menschen, aber auch die von Psychotherapie als „biological/corporate fundalism“. Gerade Psychotherapie, so die Autoren, folgt eher doch ideologischen Moden und Psychotherapeuten und Psychologen handeln dann als „epistemological slaves“. Aber nicht nur das: Die beiden Autoren beziehen dies auf die Unterscheidung zwischen akademischer Psychologie und Psychotherapie als „art of healing“. Fordern sie doch hierdurch die Kollegen auf, nicht aus dem Auge zu verlieren: „calling for a return to a new, authentic and vibrant politics of experience“ . Und bitte dies besonders in Bezug auf das berufliche Feld der Psychotherapie.

So finden sich in dem Buch Kapitel über therapeutisches Spiel, über die Bedeutung von persönlichem Mitgefühl, Mitempfinden und Mitleid als einer wichtigen Dimension therapeutischer Erfahrung, einer Erfahrung für Therapeuten und Patienten. Es finden sich ferner Kapitel über Feminismus und die Politik von Wahrheit und Ideologie, über die Bedeutung und die Politik von Erinnerung, auch als einer gesellschaftlichen Leistung. Psychotherapeuten spielen gerade hier eine wichtige Rolle, als sie sich der persönlichen Erfahrung, der Wiederaneignung persönlicher Erfahrung und der Erinnerung von persönlicher Erfahrung verschreiben und verpflichten.

Notwendigerweise oder auch logischerweise münden die Ausführungen der beiden Autoren in die Erörterung des Zusammenspiels von persönlicher Erfahrung, Moral und Ideologie.

Im Rahmen des Verfassens meiner Buchbesprechung habe ich noch einmal in Laings Buch „Phänomenologie der Erfahrung“, das ich 1969 erworben und leidenschaftlich studiert hatte, reingeschaut. Zu meiner großen Freude und Erleichterung machte mir die damalige Erarbeitung von Laings Thesen heute immer noch Sinn. Die beiden Autoren können sich also zu Recht in der Tradition Laings verstehen. Befassen sie sich doch ebenso wie die Londoner Kollegen damals mit den Formen und Mystifikationen menschlicher Erfahrung, die mit Hilfe sozialpsychologischer und psychoanalytischer Kategorien gesellschaftliche Konventionen und Tatbestände durchschaubar machen. „Indem der Autor [damals Laing, heute Itten und Roberts; d. Verf.] psychische Prozesse mit dem Blick auf ihre sozialen Implikationen und diese Implikationen als politische Phänomene deutet, liefert er [Itten und Roberts; d. Verf.] der Wissenschaft einen neuartigen Ansatzpunkt zur Beschreibung der Binnenstruktur menschlichen Verhaltens und zur Erforschung personaler Identität.“ Dies gilt heute immer noch und es ist mehr denn je vonnöten, dass diese Perspektive ein stabiles und überzeugendes Gegenwicht zur sogenannten akademisierten Psychotherapie(forschung) bildet.

Geht es doch immer um die gelebte, zu jeweils einem bestimmten Zeitpunkt aktuelle (aktualisierte) gesellschaftlich verhandelte und (berufs)politisch manipulierte Erfahrung, Erfahrung von Psychotherapie und Erfahrung in/durch Psychotherapie.

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