Schmerz in interkultureller Perspektive

Vera Saller

Abstract


Schmerzen sind nur schwer in Sprache zu fassen, indessen sind sie präverbal kommunizierbar wie kaum ein anderes Erleben. Chronische Schmerzsyndrome bei Migranten fordern die Fachleute heraus. Die psychoanalytische Literatur zur Psychosomatik kann aber wenig Erhellendes über die spezifischen Gesundheitsprobleme dieses Bevölkerungsanteiles aussagen. Es stellt sich sogar die Frage, inwiefern die Diagnose der Psychosomatik als Restkategorie der somatischen Medizin überhaupt auf eine einheitliche Psychodynamik verweisen kann. Schmerzen spielen bei den Phänomenen Krankheit und Verletzung, bei Folter und Krieg, aber auch für das ganz normale Lernen eine wesentliche Rolle. Im Hinblick auf das Lernen wird eine These des französischen Ethnopsy-choanalytikers Tobie Nathan vorgestellt, nach der in Ritualen vorkommenden Traumatisierungen - und damit dem absichtsvollen Zufügen von Schmerzen -eine wichtige Rolle zukomme. Ein Vergleich zwischen den in den letzten Jahren vielfach rezipierten, nichtpsychoanalytischen Theorien zum Trauma und dem Freud'schen Traumabegriff führt zur Frage, wie die Kluft zwischen Sprechen und körperlichem Erleben therapeutisch angegangen werden kann. Die Fallvignette eines Mannes, dessen Lebensgeschichte von bedeutenden Einschnitten und Schritten fast zu voll ist, zeigt, dass die Schwierigkeit der Deutungsarbeit hier nicht im Inhaltlichen liegt. Bei Patienten, denen der Weg der Psychotherapie sehr fremd ist und deren unbewusste Konflikte sich durch somatische Symptome oder im Ausagieren zeigen, liegt die Herausforderung an die Therapeutin darin, wie eine verständliche Sprache gefunden werden kann, bei der der Patient unmittelbar - körperlich quasi - berührt wird.

Schlüsselwörter:
Chronische Schmerzsyndrome bei Migranten; Lernprozess; Traumatheorie

Volltext:

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