Gibt es DIE Psychotherapie?

Nicolas Duruz

Abstract


Kann trotz der Vielzahl der psychotherapeutischen Richtungen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben werden?

Die beeindruckende Vielzahl sogenannter psychotherapeutischer Methoden, die sich zur Zeit auf dem Gesundheitsmarkt befinden, stellt das Ansehen der Psychotherapeuten fortwährend in Frage. Kann die Psychotherapie in einem solch breiten Feld irgend einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben? Dieser Artikel versucht, die Basis einer Wissenschaft der Psychotherapie zu erarbeiten, um die Untersuchung der verschiedenen Therapieformen zu ermöglichen.

Auf der Suche nach einem einheitlichen Modell der Psychotherapie könnte man sich fragen, wie ein Psychotherapeut zu den drei folgenden Aussagen Stellung nehmen würde:

DIE PSYCHOTHERAPIE: ist das nicht eigentlich die Psychoanalyse mit ihrem Recht des Erstgeborenen?

DIE PSYCHOTHERAPIE: ist das nicht meine Psychotherapie, die Psychotherapie meiner Schule, die Psychotherapie, in der ich mich so lange ausgebildet habe?

oder DIE PSYCHOTHERAPIE: ist das nicht zumindest ein Metamodell, das den verschiedenen Paradigmen der Psychotherapie als Grundlage dient und trotzdem jedem Modell seine Eigenheit garantiert?

In einem kürzlich erschienenen Werk hat der Autor diese Fragen bearbeitet. Im vorliegenden Text nimmt er zwei Schlüsselthemen von vorwiegend erkenntnistheoretischer Art nochmals auf und vertieft sie.

Erstens stellt er fest, daß die breite Fächerung der Psychotherapien in unserer post-modernen Zeit unumgänglich ist. Diese Vielfalt wird teilweise durch die Mannigfaltigkeit der Prämissen (Vorverständnis) bedingt, welche, sowohl in theoretischer wie auch in existentieller Hinsicht, den theoretischen Modellen der Psychotherapeuten zugrunde liegen. In diesem Sinne schlägt der Autor ein Vorgehen (eine epistemologische Charta) vor. Dieses würde die Basispostulate jedes Modells in bezug auf das Menschen-und Gesellschaftsbild und die Annahme der Wahrheit freilegen.

Zwischen einer eklektischen Haltung, die oft in einer Pseudointegration verschiedener Methoden besteht, und dem Postulat irgendeiner Schule, die sich unter Ausschluß anderer Sichtweisen als die beste aufdrängen will, bevorzugt der Autor, was er eine „ epistemologische bzw. differentielle Annäherung“ nennt. Um den Austausch zwischen Psychotherapeuten zu erleichtern, setzt sich diese zum Ziel, aufzuzeigen, was gewisse Orientierungen in manchen Punkten miteinander verbindet, und was sie in anderen trennt. Darin schließt er sich dem Wunsch von Bateson an, der 1979 geschrieben hat: „Es ist offensichtlich wünschenswert (aber nicht absolut notwendig), daß ein Wissenschaftler sich seiner Annahmen (Vorverständnisse) bewußt ist, und daß er in der Lage ist, sie zu formulieren. Auf alle Fälle ist es empfehlenswert, um nicht zu sagen unerläßlich, die Vorverständnisse der Kollegen, die im gleichen Feld Forschung betreiben, zu kennen, um sich eine wissenschaftliche Meinung bilden zu können.

Weiterhin plädiert der Autor für die Notwendigkeit empirischer Forschung in der Psychotherapie. Dabei warnt er aber vor zwei weitverbreiteten Fehlern. Erstens vor dem, zur Qualitätsbewertung des psychotherapeutischen Modells allein die Resultate der empirischen Studien benutzen zu wollen. Zweitens vor dem noch größeren, die experimentelle Methode als einzig mögliche zur Qualitätsbewertung aufzuzwingen. Bei einer kritischen Einstellung zur Wissenschaft muß festgestellt werden, daß die Qualitätsprüfung dem Studienobjekt gerecht werden muß. Die Art und Weise wie ein Problem mit der Realität in Zusammenhang gestellt wird, setzt immer ein bereits bestehendes Verständnis des Objekts voraus und ruft folglich nach einer spezifischen Methode um es zu erleuchten. Jede psychotherapeutische Methode muß also ihre Regeln zu Bestätigung oder Entkräftung ihrer Theorien definieren.

Von einer geschlossenen und geeinten Psychotherapie sind wir noch weit entfernt. Dieser Traum von Einheit wird zum Teil durch trügerische Versprechungen einer „empirischen Psychologie“ genährt, die sich als die einzige Norm verstehen möchte, um die Psychotherapie als Wissenschaft zu definieren. Ohne ihren Beitrag schmälern zu wollen, kann doch ihr Anspruch auf Vorherrschaft nicht unterstützt werden. Ausgehend von einem neu überdachten Verständnis der Wissenschaft und unter Anerkennung der jeweiligen Prämissen, welche die psychotherapeutischen Methoden haben, scheint deren Vielfalt unabdingbar. So gesehen muß der unumgängliche Austausch zwischen Psychotherapeuten verschiedener Orientierungen notwendigerweise zu Spannungen führen. Nur eine ethische Qualität des Austausches wird die Spannung zu einem echten Dialog umwandeln können.

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